Dienstag, 19. Juni 2018

Wenn Männer Endometriose hätten ...


"Özil und Götze sitzen auf der Tribüne, müssen ihrer Mannschaft heute von hier oben aus zuschauen. Der Ärztestab kümmert sich rührend um sie. Die ausgebremsten Spieler sind bestens für den Tag ausgerüstet. Da sehen wir auch schon Götze, wie er die Wärmflasche mit den drei Streifen hoch hält, danke nochmal an den Sponsor. Die „Heat 2000“ ist mit einem integrierten Flachenöffner im Verschluss und einem thermal betriebenen Akku-Ladegerät für Smartphones ausgestattet."

"Herr Dr. Müller, ich hatte die letzten drei Monate wieder extreme Menstruationsschmerzen. Oh, es tut mir leid, Herr Dr. Müller, ich wollte sie wirklich nicht zum Weinen bringen. Ich weiß ja, wie Sie selbst Monat für Monat da hängen. Ja, das glaube ich Ihnen, dass es hart ist, unter diesen Umständen den Praxisbetrieb am Laufen zu halten. Das machen Sie auch wirklich ganz toll. Das muss man an dieser Stelle ja auch mal sagen. Nein, das ist vollkommen in Ordnung. Ich kann Sie gerne mal in den Arm nehmen, wenn Ihre Frau da so wenig ... Ach, Ihre Mutter hatte auch schon kein ... Ja, wenn diese auch nur mit normalen Menstruationsschmerzen.... Nein, nein, der weiße Kittel lässt Sie ganz und gar nicht nicht fett aussehen ..."

"Der 10fache Frauenmörder „Klappmesser-Klaus“ wurde zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Nach Aussagen seines Anwalts wurden alle Taten verübt, während sich der Angeklagte mitten im PMS befand. Von daher sei sein Mandanten als nur begrenzt schuldfähig einzustufen."

"Die Premierminister von Isreal und dem Iran können an den Abrüstungsverhandlungen diese Woche nicht teilnehmen. Nach Aussagen ihrer Ärzt liegen sie mit ernstzunehmenden Menstruationsschmerzen im Bett. Trotz allen Verständnisses bedauern Experten das Fernbleiben der beiden Politiker. Sie erinnern an die sogenannte „Rote Krise“ von 1989, nachdem sich die Zyklen der Mitglieder des russischen Parlaments synchronisiert hatten, war es zu emotionalen Telefongesprächen gekommen. Diese Gespräche im Geiste der Blutsbrüderschaft gipfelten schließlich in der Wiedervereinigung Deutschlands. Der amerikanische Präsident hat dem jordanischen und dem israelischen Staatsoberhaupt sein Mitgefühl ausgedrückt. Erst im letzten Jahr hat seine Gattin die Charity-Organisation „Stand By My Down Man“ gegründet und schon Milliarden für den guten Zweck, die Forschung nach einem Heilmittel für Endometriose, einsammeln können. Ganz Hollywood steht hinter diesem Projekt. Wir haben noch den bewegenden Auftritt von Amal Clooney vor der UN als Repräsentantin von Manasty International in Erinnerung. Mit Tränen in den Augen erzählte sie die Beweggründe ihres Mannes, damals bei Emercency Room einzusteigen, kenne er doch die katasptrophale Situation in den Notaufnahmen seines Landes, nachdem er selbst mehrfach wegen heftiger Endometriose-Attacken eingeliefert worden war. Das engagierte Ehepaar hat mit prominenter Unterstützung das internationale Verbot erwirkt, Hormontherapien an Männern durchzuführen. Die Nebenwirkungen mit erhöhtem Thrombose- und Krebsrisiko einschließlich Depressionen bis hin zur Suizidalität sprächen gegen das Menschenrecht nach körperlicher Unversehrtheit. Das Verbot erhöhte daraufhin den Druck auf die Forschung. Dank Spendengeldern und staatlicher Förderung gab es schon erste Erfolge auf der Suche nach einem Heilmittel für diese verheerende Erkrankung, die mindestens 10 Prozent aller Männer weltweit lahmlegt. Jedem zehnten Mann drohe durch die Erkrankung der Verlust oder Zumindest die Einschränkung der Erwerbsfähigkeit, so ein Sprecher des Vatikans. Es seien Männer, die ihre Familien nicht ernähren könnten, wenn sie überhaupt eine Familie gründen könnten. Die Unfähigkeit, Nachwuchs zu zeugen, hätte einer Umfrage zufolge mindestens 50 Prozent der Betroffenen auf der ganzen Welt in die Alkoholsucht oder ins kriminelle Milieu getrieben. Der Papst sehe Endometriose als globale Katastrophe und betrachte die Entwicklungen mit Besorgnis. Er bitte die Weltgemeinschaft um mehr Engagement und Mitgefühl für die Betroffenen."

"Der große Pavel Rotti betritt die Bühne. Es herrscht Stille im Opernsaal. Das Publikum wurde darüber unterrichtet, dass das Genie gerade menstruiert. In dieser sensiblen Phase möchte man den großen Meister nicht durch Nebengeräusche aus dem Takt bringen. Die Zuschauer wissen, dass sie in wenigen Minuten einer künstlerischen Höchstleistung zuteil werden. In diesem Zustand ins heiße Scheinwerferlicht zu treten, und wir müssen an dieser Stelle betonen, dass Rotti unter diesen Schmerzen nicht nur angereist ist, sondern auch stundenlang aufrecht sitzend in der Maske zugebracht hat. Ein wahrer Profi. Meine Damen und Herren, er wird sich während der Vorstelleung, und dies ist eine ganze Stunde, trotze der Menstruationskrämpfe nicht ein einziges Mal hinsetzen. Eine Sensation. Dieser Mensch lebt und leidet wahrhaftig für seine Kunst. Und da ist er auch schon, meine Damen und Herren. Mal wieder stellt er seine Professionalität unter Beweis, man sieht ihm das Martyrium nicht an. Das verdient unseren vollsten Respekt. Und nun bitte absolute Stille, der blutende Barde hebt zum Gesang an."

Aus der Forschung: Die Nasa hat keine Kosten und Mühen gescheut. Über Jahrzehnte hat man Astronauten während ihrer Periode zur Weltraumstation OBeon 2 geschickt, um herauszufinden, wie sich die Schwerelosigkeit auf Menstruationsschmerzen auswirkt. Eindeutig konnte man eine Abmilderung der Schmerzen feststellen. Der Weltraum-Gesundheitstourismus wird mittlerweile von den Krankenkassen mitgetragen. Mit der Eröffnung der Weltraumstationen "Tampollon 1" und der "Always Voyager" wurden nun weitere Meilensteine in der Endometriose-Forschung erreicht.

Inspiriert von den neuesten Entwicklungen hat George Lucas seine Krieg der Hormone-Reihe abgedreht:
  • Die dunkelrote Bedrohung
  • Angriff der Klokrieger
  • Das Klimakterium schlägt zurück
Der Hype um die neue Filmreihe geht so weit, dass Augenzeugen in den USA und Mexiko von ersten Sichtungen fliegender Menstruationstassen berichten.

Das härteste Metall-Festival der Welt – Featuring:

THE CRAMPS – BLEEDING WITHOUT DYING– MIGRAINE MASSACRE – PAD SHOP BOYS – Special Guest:  IRON DEFICIENCY MAIDEN!!!

Sonntag, 3. Juni 2018

7 Jahre Endo Bay – eine Zwischenbilanz


7 Jahre sind es schon hier auf Endo Bay. Ich hätte niemals gedacht, dass es so lange andauern würde, als ich damals im Schlafanzug zaghaft die ersten Wörter in die Tastatur tippelte. Es ist einiges passiert in den 7 Jahren. Die mediale Aufmerksamkeit für Endometriose ist merklich angestiegen, nicht zuletzt, weil sich noch eine Handvoll Promis mit Endo “geoutet” haben. Vor allem bloggen, posten, sharen immer mehr Betroffene ihre Stories, was einfach nur großartig ist!

Hier ein paar Beispiele in der Reihenfolge, wie sie bei mir in Instagram aufgeführt sind (Entschuldigung für jeden, den ich übersehen haben sollte):

@aniybond
@findloveyourbody
@susiwurmi
@annas_spoonielife
@susanneborchers
@endo.kat
@shayen01xen
@endohilfe
@jennifer_kutzner
@fraunoelle
@endolife_
@motte1985
@saenchaoslair
@aleshalowe.endofoodie
@jmariia97
@pinkyandthebeer
@fraumalbuch
@qbine
@echtjetzt_fragezeichen_
@little_yvy
@susanna_dominique
@allaboutchrissi
@kleinistmeinname
@endosaskia

Bei mir persönlich hat sich in 7 Jahren natürlich auch einiges verändert. Vor allem die Sicht auf meine eigene Endometriose. Wie ich schon in “Nicht ohne meine Wärmflasche” geschrieben habe:

Für mich ist meine eigene Endometriose eine Mischung aus einer Mastzellaktivierungsstörung, Hormonchaos und tiefen emotionalen Konflikten. Ich habe seit 5 Jahren keine heftigen Endometrioseschmerzen mehr (toi, toi, toi). Ich erkläre es mir so, dass sich nach und nach das Chaos lichtet: mit den Wechseljahren pendeln sich die Hormone langsam ein (nicht jede Betroffene hat eine hormonabhängige Endo, bei anderen hilft das vielleicht weniger), ich bin jetzt an meinen “eigentlichen” Themen und Emotionen dran (emotionaler Stress kann Mastzellen triggern und so Entzündungen und Schmerzen begünstigen) - was bleibt, ist die Mastzellaktivierungsstörung - die Grunderkrankung, die hinter der Endometriose liegt (?) mit all den seltsamen Erscheinungen vor allem in Zusammenhang mit Histamin - wie Migräne, Herzstolpern, Kurzatmigkeit, Schwindel, Erschöpfung, ausschlagartige Phänomene gepaart mit Übelkeit etwa bei körperlicher Anstrengung, Kälte, Hunger, nach einer heißen Dusche, Erdbeeren und Alkohol geht gar nicht … - (Achtung, das ist meine eigene Theorie - s. auch https://www.mastzellaktivierung.info/de/mastzellerkrankungen_begleiterkrankungen.html#endometriose - wissenschaftlich belegt ist nichts davon). Man spricht mittlerweile wohl auch von einem Sammelbegriff "Endometriose", der eventuell mehrere Erkrankungen mit ähnlichen Phänomenen zusammenfasst. Auch das ist alles noch gar nicht belegt.

Ich finde es nun schwierig, ohne die Schmerzen weitere Experimente bezüglich der Endo zu unternehmen - da möchte ich mich natürlich nicht beschweren! Mir fehlt sozusagen nun der “Indikator”. Alle anderen Symptome sind zu diffus und unregelmäßig. Wenn ich jetzt z.B. von einer Firma gefragt werde, ob ich ihr neues “Wundermittel” gegen Endo testen möchte, lehne ich alleine schon aus dem Grund ab. Wahrscheinlich würde ich überhaupt keine Wirkung spüren, außer dass ich morgens noch einen Handgriff mehr tun müsste. Ich achte auch nicht mehr streng auf meine Ernährung. Weizen z.B. löst keine Schmerzen mehr aus wie vor einigen Jahren noch.

Vor den Verwachsungen, die mir wahrscheinlich wieder einen Darmverschluss einhandeln werden, schützt mich sowieso nichts. Und die Mastzellen kann ich bei Ärzten ansprechen, so oft ich will. In dem Moment scheinen sie alle einen Sekunden-Hörsturz zu erleiden … Ich könnte jetzt eine strenge Histamin-Eliminierungs-Diät ausprobieren. Da will ich ehrlich sein: Bei meiner derzeitigen Situation im Privatleben ist es schon schwierig genug. Ich lasse weg, worauf ich bisher eindeutig reagiert habe, das war es aber auch schon. Für etwaige Tipps dahingehend bin ich derzeit leider die falsche Ansprechpartnerin.



Meine Bemühungen bezüglich des Themas Endometriose werde ich daher nun mehr dahingehend ausrichten, Nichtbetroffene zu erreichen, um mehr Verständnis für uns zu erwirken, damit es einfacher wird, mit der Endometriose in dieser Gesellschaft zu leben. Ein großes Ziel, ich weiß. Ich töne jetzt hier rum ... Es wird ein Versuch sein, muss man sagen. Am Ende ist es eh immer ein kleiner Tropfen, aber ich denke, viele Tropfen machen einen Ozean :-) Bei meinem derzeitigen Arbeitspensum + 3 Stunden tägliches Pendeln zwischen Arbeit und fragwürdiger WG bleibt nicht viel Zeit. Aber ich habe es mir so eingerichtet, dass ich zumindest eine Stunde am Tag im Zug, und wenn ich nicht zu müde bin nach der Arbeit im Café, an meinem neuen Endo-Schreibprojekt sitzen kann.

Ich versuche, Euch auf dem Laufenden zu halten, vornehmlich auf Instagram: @endobay_blog

Also, passt in der Zwischenzeit auf Euch auf, meine Lieben, und bis bald!
Eure Martina

Dieser Artikel ersetzt nicht den Rat durch einen Arzt oder eine Ärztin.

Sonntag, 15. April 2018

Endometriose, oder: Wenn man das Leben rückwärts lebt


Kennt Ihr den Film „Der seltsame Fall des Benjamin Button?“ Die biologische Uhr der Hauptfigur, gespielt vom vielfach angeschmachteten Brad Pitt, tickt rückwärts. Bei seiner Geburt weist Benjamin somit Alterserscheinungen auf und sieht aus wie ein Greis, und im Laufe seines Lebens wird er immer jünger. Seltsame Geschichte, seltsamer Film. Ich mochte ihn nicht. Aber in letzter Zeit muss ich immer öfters an ihn denken.

Donnerstag, 1. März 2018

Schrödingers Endometriose: gynäkologisch und doch überall?



Mit Endometriose braucht frau starke Nerven. Zum einen muss man aushalten, was der eigene Körper veranstaltet. Zum anderen muss man ertragen können, womit sich einem andere Betroffene anvertrauen. So saß ich letzte Woche mit einer schottischen Endo-Schwester beim Frühstück, und während ich mir eine Gabel Käsekuchen in den Mund schob, präsentierte sie mir Fotos von ihrem Auswurf.

Sonntag, 4. Februar 2018

Die Endometriosepatientin als Kundin – Von Wundermitteln und Mitteln, über die man sich wundert

Vor kurzem wurde ich von einer Firma angeschrieben, ob ich als endometriosegeplagte Buchautorin nicht ein Produkt, das extra für Endometriosepatientinnen entwickelt wurde, testen und auf meinem Blog vorstellen wolle. Grundsätzlich habe ich nichts dagegen einzuwenden. Ich hatte auch nichts gegen das Präparat als solches, waren es im Grunde genommen nur ein paar Nährstoffe und Vitamine, die zumindest mal nicht schaden können. Nein, es waren die Marketingmethoden, die mir ordentlich auf die Eierstöcke schlugen.

Sonntag, 21. Januar 2018

Yoga mit Endometriose – Nur nicht den Bogen überspannen

 

Ich mache jetzt Yoga. In der Pfalz hatte ich es zuvor mal mit Rückenyoga versucht. Danach machte ich eine Weile einen Bogen um die Matte, war mir die Lehrerin doch zu brachial gewesen. Als ich wie ein Käfer auf dem Rücken lag, die Beine nur so weit anzog, wie es eben ging mit all den Verwachsungen, hatte sie mir mit Nachdruck die Knie gegen den Bauch gedrückt. Eine fragwürdige Methode. Da half es auch nicht, dass sie ihren bürgerlichen Namen abgelegt hatte und sich nur noch Ntscho-tschi oder Anchovi - ich kann mich nicht mehr genau an ihren Yoganamen erinnern - nannte.

Sonntag, 17. Dezember 2017

Von Bedürftigkeit und Bedürfnissen



„There you are! Let´s get in the car, it´s bloody cold!“ Wir umarmen uns, steigen ein und fangen an zu schnattern wie zwei alte Schulfreundinnen. Dabei sehen wir uns zum ersten Mal. Wie das oft bei „Endo-Schwestern“ ist - wir kennen die Geschichte der anderen nicht, und kennen sie doch. So ist man sich schnell vertraut.