Ursachen


Ursachen der Endometriose 

Die Ursachen der Endometriose sind bis heute unbekannt. Es gibt bisher nur eine Menge Spekulationen und Theorien.


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 Transplantationstheorie


Das Verschleppen der Endozellen über das Menstruationsblut gehört zur sogenannten "Transplantationstheorie". Laut dieser gelangen Zellend er Gebärmutterschleimhaut über das Blut, das über die Eileiter zurückläuft (retrograde Menstruation), in den Bauchraum, wo sie sich ansiedeln, sich zu Endometriose ausbilden und ihr Unwesen treiben. Es gibt auch die Theorie, dass die Zellen in den Bauchraum gerieten, weil der Innendruck der Gebärmutter und deren Peristaltik bei Endometriosepatientinnen höher sei als bei anderen Frauen und die Zellen geradezu in den Bauchraum geschleudert würden. 

Das Auftreten der Zellen im Bauchraum alleine scheint aber noch nicht das Problem zu sein. Eine retrograde Menstruation haben 90 Prozent aller Frauen. Nicht alle bilden deswegen automatisch eine Endometriose mit Krankheitswert aus. Es gibt sogar die Theorie, jede Frau hätte Endometriose und es sei ganz normal, dass die Zellen auch außerhalb der Gebärmutterhöhle zu finden seien. Die Frage sei eher, warum bereitet es bei der einen Frau Probleme und bei der anderen nicht. 

Dass nicht das "Verschleppen" von Zellen aus der Gebärmutter heraus das eigentliche Problem darstellt, sieht man schon am ersten dokumentierten Fall in der Endometriosegeschichte: Gehen wir zurück ins 19. Jahrhundert, als der Arzt Carl Freiherr von Rokitansky bei einer Operation gerade die Endometriose entdeckt hat. An dem aufgeschnittenen Frauenkörper vor ihm fällt ihm neben der Endometriose noch etwas auf, was später das Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom genannt werden soll: Die Frau hat keine Gebärmutter!

Keine Gebärmutter, folglich kein Menstruationsblut – und doch ist der gesamte Bauchraum voller Endometriose. Die Transplantationstheorie scheint hier eine riesige Lücke aufzuweisen. Es gibt Endometriose-Experten, die finden die Lösung dieses Dilemmas darin zu sagen, es gebe halt verschiedenen Endometriosen mit unterschiedlichen Ursachen. Das weiß bis heute niemand.

Metaplasie 


Laut Prof. DDr. Johannes Huber etwa können sich Endometriosezellen überall bilden, wo ein spezifisches Keimbett vorhanden ist (beispielsweise im Gewebe der Bauchorgane und der Geschlechtsdrüsen). Dafür brauche es kein Menstruationsblut. Es seien normale Zellen, die sich umformten, gebärmutterschleimhautähnliche Gebilde hervorriefen und – häufig hormonabhängig – Gewebsstoffe absonderten, die im Umgebungsgewebe Schwellungen, Entzündungen und Blutungen verursachten. Das Endogewebe selbst blute – im Gegensatz zur früheren Auffassung – nicht ab. Die Umwandlung der vorerst normalen Zellen wird "Metaplasie" genannt. Warum sich die Zellen umwandeln, ist noch nicht bis ins Detail erforscht.

Die Metaplasie erklärt laut Huber nach aktuellem Stand der Forschung zumindest die Entstehung einer Sonderform der Endometriose, der sogenannten Adenomyosis (Endometriose in der mittleren, aus Muskelgewebe bestehenden Schicht der Gebärmutter). Embryonale Zellen, die sich zur Gebärmutter ausbilden sollen, verlieren auf dem Weg zu ihrem Bestimmungsort einige ihrer Weggefährten. Diese wandeln sich im Erwachsenenalter durch unbekannte Ursachen an der Stelle, an der sie verloren gegangen sind, zu Endometriosezellen um.

Natürlich gibt es auch Gegendarstellungen: Befürworter der Transplantationstheorie argumentieren hier mit dem höheren Innendruck in der Gebärmutter von Endometriosepatientinnen und deren heftigere Abstoßungsbewegungen bei der Menstruation. Die seien so heftig, dass es zu Rissen in der Gebärmutterwand käme und die Schleimhautzellen gerieten so in die Muskelschicht und würden sich zu Endometriose ausbilden. Wie man sieht, herrscht in der WIssenschaft noch überhaupt keine Einigkeit, was die Endometriose betrifft.


Zombies im Bauch


Ein weiterer Grund spricht gegen die retrograde Menstruation als alleinige Ursache: "Die endometrialen Zellen werden über den TNF-a und IL-6 unmittelbar vor der Menstruation der Apoptose unterworfen, sodass das ektope Aufrufen eines erneuten Wachstumsprogramms eher unwahrscheinlich ist" (2). Mit anderen Worten: TNF-a und IL-6 sind Stoffe, die eine Kettenreaktion in Gang bringen, die einen Zelltod (Apoptose) hervorrufen. Die Zellen der Gebärmutterschleimhaut sterben vor der Menstruation also ab. Dass diesen abgestorbenen Zellen nach dem Verschleppen in den Bauchraum unter normalen Umständen dort wieder neues Leben eingehaucht wird – eine Art gynäkologisches "Dawn oft the Dead" – ist laut Dr. Hubert eher unwahrscheinlich. Wachstumsprozesse könnten die toten Zellen demnach wohl nicht mehr hervorrufen. Dann dürften sie auch keine Endometriose hervorrufen.

An dieser Stelle kommt das Enzym Aromatase ins Spiel. Es steht wohl im Zusammenhang mit einem Wirkmechanismus, der die Zellen auf der sinkenden Titanic der Menstruation überleben lässt. Wie dies geschieht, ist noch nicht entschlüsselt. In Endometrioseherden wurde jedenfalls ein Überschuss dieses Enzyms festgestellt. Es führt u. a. zu einer Überproduktion an Östrogenen.



Dioxin und Endometriose


Die Metaplasietheorie wird oft in Kombination mit Dioxin als mögliche Ursache genannt. Was die Rolle des Dioxins angeht, ist man sich noch nicht sicher. Es ist zumindest auffallend, dass in Ländern mit hohem Dioxin-Gehalt (z. B. Belgien oder die Niederlande) Endometriose häufiger vorkommt als in anderen Ländern. Daher liegt ein Zusammenhang nahe.

Es gibt ein Enzym, das CYP1A1, welches normalerweise das 17ß Östradiol abbaut und in harmlose Hydroxyöstrogene umwandelt. Trifft es auf Dioxin, verändert es seine Eigenschaften so, dass es Abbauprodukte herstellt, die nicht mehr ganz so harmlos sind, sondern eine Veränderung von einer Art Stammzellen des Bauchfells bewirken. Hier könnte ein Puzzleteil in der Endometriose-Entstehung vorliegen.

Immunsystem


Es wird ein Zusammenhang zwischen Endometriose und Störungen im Immunsystem angenommen. Der Umstand, dass die Defekte im Immunsystem unterschiedlich ausgeprägt sind, kann eventuell die unterschiedlich starken Ausprägungen verschiedener Endometrioseerkrankungen erklären. In Endometrioseherden wurde z. B. eine erhöhte Produktion von Zytokinen festgestellt, Proteine, die das Wachstum und die Differenzierung von Zellen regulieren. Dafür ist die Aktivität der Natural-Killer-Zellen, die Tumorzellen erkennen und abtöten, reduziert. Das Zytokin Interleukin 1 beispielsweise induziert Entzündungsreaktionen. Es spielt auch eine erhebliche Rolle bei Formen der Arthritis. Auch Interleukin 8, das bei Endometriose erhöht ist, ist an Entzündungsreaktionen beteiligt.

Antinukleäre Antikörper – Antikörper, die das Immunsystem aus unbekannten Gründen gegen die eigenen Körperzellen bildet – werden vermehr unter Endometriosepatientinnen nachgewiesen. Insgesamt wird bei ihnen eine erhöhte Neigung zu Autoimmunerkrankungen beobachtet. Allergien, Asthma oder Ekzeme sind nicht selten. Endopatientinnen neigen auch vermehrt zu Fibromyalgie (chronische Faser-Muskel-Schmerzen), zum Chronischen Erschöpfungssyndrom, Schmetterlingsflechte (Lupus erythematodes), Sjögren Syndrom (Immunzellen greifen Speichel- und Tränendrüsen an), zur rheumatoiden Arthritis und zur Hypothyreose (Überfunktion der Schilddrüse). Medikamente, die man für Arthritis einsetzt, werden so auch für die Endometriose geprüft.

Es gibt noch viele andere Theorien und Forschungsansätze zur Entstehung der Endometriose. Fehler in der Regulierung von Genen, entwicklungsfähige Stammzellen, die unabhängig vom Menstruationsblut ins kleine Becken wandern und Endometrioseherde bilden u.v.m. Vielleicht gibt es eine hauptsächliche Ursache – man weiß es nicht – es scheint aber keine alleinige Ursache zu geben. Endometriose ist ein genetisches, hormonelles, immunologisches und mechanisches Chaos, das es aufzuräumen gilt. Und wir Endopatientinnen sitzen mitten im Chaos und hoffen darauf, dass uns endlich jemand aus dem Chaos heraus holt!

Dieser Artikel ersetzt nicht den fachlichen Rat, z. B. durch einen Arzt.
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Aktualisiert: 25.01.2017