Mittwoch, 20. Februar 2019

Vom Bauchpinseln und Danebengreifen


Es begab sich vor einigen Wochen, da bekam ich eine Anfrage von einem großen, deutschen Forschungsinstitut, ob ich nicht an einer Veranstaltung teilnehmen und etwas zum Thema Endometriose beitragen möchte. Mein Ego fühlte sich erst gebauchpinselt. Man darf nur eines nicht vergessen: Mein Bauch wurde schon dreimal geöffnet. Mittlerweile kann man ihn bepinseln, wie man will, die Narben sind und bleiben taub ...

Ich las durch, was das Institut zur Endometriose zu sagen hatte. Ich las von "Minigebärmüttern" und "verschleppter Gebärmutterschleimhaut". Mir wurde klar: Lasse ich mich auf eine Zusammenarbeit ein, sieht das zwar gut auf meinem Lebenslauf aus, ich reiße aber acht Jahre Anstrengungen und Aufklärungsarbeit auf meinem Blog und in meinem Buch in Sekundenschnelle mit dem Arsch wieder ein.

Ich erinnere an Experten, die sagen, dass Endometriosezellen keine Gebärmutterschleimhautzellen sind, an Experten, die die Theorie aufstellen, ob nicht am Ende jede Frau Endometriosegewebe habe und nicht das Gewebe an sich das Problem sei, sondern die Vorgänge an diesem, und die Frage stellen, was denn die eigentliche Krankheit sei. Ich erinnere an Experten, die die These aufstellen, Endometriose könne überall entstehen, dafür brauche es kein Menstruationsblut und keine Gebärmutterschleimhaut. Ich erinnere an Frauen, die ohne Gebärmutter zur Welt kommen und trotzdem im ganzen Bauch Endometriose haben. Mit anderen Worten: Die Theorie der Minigebärmütter und der verschleppten Schleimhaut ist am Ende eine Theorie, die nicht alles erklären kann, und es ist eine Theorie unter vielen.

Aber: immer wieder wird nur diese eine Theorie aufgegriffen. Ist doch irgendwie auffallend, oder?

Ich sage mal so: Wenn man immer wieder nur eine von vielen Theorien herausgreift und die anderen nicht erwähnt, dann ist das zutiefst unwissenschaftlich. Zum anderen ist das Ignorieren anderer bestehender Theorien keine Aufklärung. Es ist Propaganda.

Meiner Meinung nach ist diese gewollt. Denn eine ganze Industrie lebt von uns. Eine ganze Industrie lebt davon, dass wir unserer Menstruation und unseren Gebärmüttern die Schuld geben und die ganze Sache versuchen, mit Hormonen zu bekämpfen.

Und wir schlucken es. Und solange wir schlucken, gibt es keinen Grund, nach den wahren Ursachen der Endometriose zu schauen. Und anstatt nach den wahren Ursachen zu schauen, entwickelt man immer nur "neue" Hormone. Und die sind und bleiben reine Symptombekämpfung. Das ist billiger und wir bleiben weiterhin schön chronisch krank, damit wir auch ja nicht als Einnahmequelle wegfallen.

Da glaubt man gerade, es kann gar nicht schlimmer kommen ...


Eine Dame vom Institut bat mich, ein Webinar zu machen. Sie schrieb, ich solle doch ein „inspirierendes" und "motivierendes“ Video zu Krankheitsverlauf und den Folgen  machen. Ich denke, das kann ich unkommentiert mal so fünf Sekunden bei Euch einwirken lassen.

Wahrscheinlich hätte es sie gefreut, wenn ich von Yoga, Ernährungsumstellung und Heiltees erzählt hätte. Damit man mich hier nicht falsch versteht: Yoga, Ernährungsumstellung und Heiltees sind gut und wichtig, um sich allgemein besser zu fühlen, um seinen Körper zu unterstützen und sich Selbstfürsorge zukommen zu lassen. Habe ich ja auch alles gemacht/mache ich zum Teil noch.

Aber es geht hier jetzt mal um eine andere Perspektive: Ich glaube nämlich, dass Wissenschaftswelt und Industrie, die hauptsächlich aus Männern bestehen (Immer, wenn es Kongresse gibt oder von irgendwelchen Errungenschaften im Umfeld der Endo die Rede ist, sehe ich Wimmelbilder von Männern in Anzügen) - ich fange den Satz nochmal an: Ich glaube, dass die Akteure es ganz pussierlich finden, wenn wir Endometriosepatientinnen uns mit Yoga und Ernährungsumstellung "ablenken". Ich glaube, dass sie dann gerne mit uns zusammenarbeiten: Wir bleiben in unserer Frauenrolle, geben anderen Frauen gesellschaftskonforme, scheinbare Lösungswege auf der instagrambaren Wellness- und Lifestyle-Welle, und so haben wir weder Zeit noch den Kopf dafür, mit Druck und Protest wahre Lösungen einzufordern.

Es ist viel passiert in den letzten Jahren. Es gibt immer mehr Endozentren, es wird immer mehr über die Endometriose berichtet. Das ist schön. Aber immer noch fühle ich mich als Endometriose-Patientin nicht ernst genommen. Es ist die Haltung, die sich noch nicht geändert hat. Es ist der Stellenwert der Endometriose als Frauenerkrankung, der nach wie vor in jedem schrägen Lächeln mitschwingt, wenn mir ein Arzt die Werbebroschüre eines neuen Hormonpräparates entgegenstreckt, obwohl ich seit über fünf Jahren symptomfrei bin, wie neulich erst wieder geschehen.

Das alles ist mir klar geworden, als mich das Forschungsinstitut anschrieb. Als sie nach einem "inspirierenden und motivierenden" Video verlangten, wusste ich, dass sie gar nicht hören wollen, was ich zu sagen habe. Dass sie gar nicht die Theorie der Minigebärmütter hinterfragen wollen. Dass sie gar nicht im eigentlichen Sinne "forschen" wollen.

Leute, ich bin müde. Nach all den Jahren habe ich immer mehr das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen. Ich habe viel hin- und herüberlegt und es fällt mir nicht leicht, aber mit Endo Bay werde ich nun abschließen.

Ich werde nicht ganz mit meiner Arbeit aufhören. Ich werde sie nur verlagern. Ich habe meinen Weg mit der Endometriose gefunden und ich würde Euch weiterhin gerne davon berichten. Ich arbeite dafür gerade an einer anderen Website. Sobald sie herzeigbar ist, werde ich sie hier vorstellen.

Ich danke Euch von ganzem Herzen, dass Ihr mir bis hierhin gefolgt seid. Es würde mich freuen, Euch bald an anderer Stelle wieder virtuell zu begegnen. Wenn mich jemand "social-medial" nun verlassen möchte, kann ich es verstehen. Das Leben ist Veränderung :-)


Lasst Euch nicht unterkriegen!
Eure Martina

Titelbild erstellt mit Canva https://www.canva.com/