Sonntag, 8. Juli 2018

Endometriose-Vortrag in Edinburgh



„Wenn ich überlege, wie wir damals begannen, an GnRH-Analoga zu arbeiten, und betrachtet man sich die letzten 30 Jahre der Endometrioseforschung, muss man feststellen: Es hat sich bis heute nicht viel verändert.“

Ich sitze im Marriott Hotel in Edinburgh. Ein bisschen ärgere ich mich noch, hatte ich mir gerade einen überteuerten Cappuccino an der Hotelbar gegönnt um festzustellen, dass es in der oberen Etage vor dem Präsentationsraum den Cappucino kostenlos gibt ... Ich betrete als erste den Präsentationsraum. Der Projektor wirft schon den Namen der Veranstaltung auf die Leinwand:

Chronic Pelvic Pain and Endometriosis


Ein älterer Herr mit Aktentasche betritt den Raum. Er ist mir sofort sympathisch. Ein bisschen hat er die Ausstrahlung von Hape Kerkeling. Und wie so üblich in Schottland plaudern wir sofort über das Wetter. Die Schotten scheinen ein wenig überfordert mit den warmen Temperaturen, die hier derzeit herrschen. Nach und nach kommen die Besucherinnen des Vortrages herein. Erst vereinzelt, dann ein paar Mitglieder einer Selbsthilfegruppe, eine Frau kommt mit ihrem Partner.

Hape Kerkeling, der eigentlich Dr P J Dewart heißt, eröffnet seinen Vortrag mit den oben genannten Worten. Seit 30 Jahren nimmt er sich des Themas Endometriose an und er ist Experte, wenn es um minimalinvasive Operationsmethoden geht. Das beruhigt mich ungemein. Meine bisherigen Erfahrungen mit dem schottischen Gesundheitssystem hatten mich schon glauben lassen, ich werde hier elendiglich auf der Straße eingehen, sie würden mich in einer Schubkarre abtransportieren und Haggis aus mir machen ...

Dr Dewart zählt die Fakten auf: In UK seien es 2 Millionen Frauen, die an Endometriose litten. Die Krakheit sei hier genauso häufig wie Asthma. 50 Prozent der Frauen, die in UK den Gynäkologen wegen Schmerzen konsultierten, hätten Endo. Bei 30 Prozent der Frauen kämen die Schmerzen ein Jahr nach der OP wieder, bei 50 Prozent der Frauen nach fünf Jahren. Man hätte herausgefunden, dass diejenigen Frauen die größten Schmerzen hätten, deren Körper mehr gegen die Endo ankämpfe.

Dr Dewart hätte beobachtet, dass es heutzutage mehr schwere Fälle von Endometriose gäbe als noch vor 30 Jahren. Seiner Ansicht nach läge es vielleicht daran, dass die Krankheit mit den Umweltveränderungen immer unabhängiger vom körpereigenen Östrogen auftrete.

Er erwähnt die Nähe zu Autoimmunerkrankungen, die immer häufiger würden, je näher man der Menopause käme. Man gehe davon aus, dass auch der Schutz, den die Gebärmutter der Gebärmutterschleimhaut verleihe, mit dem Alter verloren gehe. Daher käme es im fortgeschrittenen Alter oftmals zu heftigeren Blutungen. Den Schutz durch die Gebärmutter und wie das alles funktioniere, hätte man aber noch nicht ganz ergründet. Sicher sei, dass die Menschen früher ja nicht so lange gelebt hätten wie heutzutage, da wäre der Schutz ja auch nicht so lange nötig gewesen. Es gäbe Theorien, die besagten, dass dieser Schutz am Endometriosegewebe grundsätzlich nicht vorhanden sei. Das Gewebe entarte, sobald die Gebärmutterschleimhaut mit der retrograden Menstruation die Gebärmutterhöhle verlasse.

So, und an der Stelle hat er mich dann in seinem Vortrag verloren:

Da ist sie wieder, die retrograde Menstruation. Doch wie wir wissen, kommt Endometriose auch bei Frauen vor, die keine Gebärmutter haben, sei es, weil diese herausoperiert wurde, oder auch bei Frauen, die von Geburt an keine Gebärmutter haben und nie menstruierten. 

Und dann sagt Dr Dewart etwas für mich sehr Verwirrendes. Dazu muss ich vorwegschicken, dass ich folgende Information gelesen und von Endometrioseexperten in Deutschland so bestätigt bekommen habe: Unter dem Mikroskop unterschieden sich Endometriosezellen von Gebärmutterschleimhautzellen.

Nun sagt Dr Dewart: “Legt man Endometriosezellen unter ein Miksoskop, sind sie von Gebärmutterschleimhautzellen nicht zu unterscheiden.“

Ich als Nicht-Naturwissenschaftlerin frage mich da: Wie kann es zu so unterschiedlichen Aussagen kommen? Da wundert es einen plötzlich nicht, dass man mit der Forschung nicht weiterkommt, wenn so etwas Grundsätzliches noch nicht geklärt ist. Ich meine, baut man den einen Pfeiler einer Theorie in Sydney und den anderen in Brunsbüttel, bleibt dazwischen nunmal eine Menge Platzt für Mutmaßungen und Gutdünken.Wie kommt es, dass man so Gegensätzliches annimmt? Lesen die Experten nicht dieselben Abhandlungen? Hat hier einer den Anschluss verpasst? Gibt es keinen Austausch? Sind die Aussagen abhängig von Interessenlagen? Hat hier ein Wissenschaftler am Morgen nach einer Junggesellenabschiedsfeier präpariert? Hat einer beim Mikroskopieren geschielt? Ja was denn nun, Leute - wie Gebärmutterschleimhaut oder doch anders?

Ich bin nun vollends verwirrt. Und da sitze ich, und es gehen mir tausend Gedanken durch den Kopf: Wenn ich das jetzt anspreche, ist das ja schon ein bisschen wie „Bloßstellen“. Ich will jetzt hier nicht die Klugscheißerin rauskehren, sagt man es uns Deutschen im Ausland auch noch nach. Und wer bin ich schon? Ich meine, der Mann forscht seit 30 Jahren. Gleichzeitig denke ich, wir sind hier, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen, und die Wissenschaftler, die das Gegenteil behaupten, forschen ebenso lange. Im Sinne der Wissenschaft würde ich damit das Richtige tun. Ich möchte aber nicht provokativ wirken. Letztendlich ist er der einzige Endometrioseexperte, den ich hier kenne. Wenn ich irgendwann bei ihm auf den OP Tisch liege, möchte ich nicht, dass er mit dem Hintergedanken an mir herumoperiert, dass ich diejenige bin, die ihn vorgeführt hat. Also beiße ich mir auf die Lippen. Ich habe es mir hier schon mit meinem Hausarzt verscherzt, indem ich diesem Diskriminierung vorgeworfen habe, nachdem er mich nach einem halben Jahr trotz meiner Indikation (riesiges Endometriom, Briden am Darm, Verengung an der Niere) immer noch nicht zum Ultraschall überwiesen hatte, meinen Bekannten, der männlich und Brite ist, jedoch sofort einen Röntgentermin für dessen blödes Knie gegeben hat ...

Alles in Allem gehe ich mal wieder mit mehr Fragezeichen aus der Veranstaltung als ich in die Präsentation mitgenommen hatte. Trotzdem hoffe ich, dass ich bald zu Dr Dewart überwiesen werde. Das entscheidet in Schottland leider der Hausarzt ...

Dieser Artikel ersetzt nicht den Rat durch einen Arzt oder eine Ärztin.