Sonntag, 15. April 2018

Endometriose, oder: Wenn man das Leben rückwärts lebt


Kennt Ihr den Film „Der seltsame Fall des Benjamin Button?“ Die biologische Uhr der Hauptfigur, gespielt vom vielfach angeschmachteten Brad Pitt, tickt rückwärts. Bei seiner Geburt weist Benjamin somit Alterserscheinungen auf und sieht aus wie ein Greis, und im Laufe seines Lebens wird er immer jünger. Seltsame Geschichte, seltsamer Film. Ich mochte ihn nicht. Aber in letzter Zeit muss ich immer öfters an ihn denken.


Hurra, ich trage einen Koffer!

Zurzeit werde ich in meinen neuen Job eingearbeitet. Der Job ist in der Nähe von Edinburgh. Zur Einarbeitung muss ich aber über zwei Monate lang immer wieder nach München fliegen. Was nach aufregendem Jetset Life klingt, ist im Wesentlichen Büro, Hotel, Büro, Hotel ... Der Schlaf in Hotelbetten ist auch nicht gerade der erholsamste. Alles in allem ist es gerade sehr belastend, ermüdend, anstrengend.

Als ich Freitag Abend mal wieder meinen Koffer die Treppen zur S-Bahnstation in München runterschleppte, kam mir dieser Gedanke: „Das hätte ich vor ein paar Jahren, als die Endo noch aktiver war, alles nicht mitmachen können.“

Wie soll man das Menschen erklären, die die Krankheit nicht verstehen? Wie soll ich das erklären, dass ich in jungen Jahren, trotz meiner Jugend, nicht leistungsfähig war? Wie soll man erklären, dass einfach alles von der Endometriose abhängig ist? Die Fähigkeit zu Arbeiten, zu reisen, in die Stadt zu gehen, einkaufen zu gehen, den Haushalt zu führen, zu essen, zu schlafen ...

Jetzt, wo das alles durch das Ausbleiben von Schmerzen und Depressionen wieder eher fluppt, wird mir mal bewusst, wie sehr die Endo mich über Jahre ausgebremst hat. Ich kann eigentlich jetzt erst - mit fast 43! - sowas wie ein „normales“ Leben beginnen. Ich bin jetzt „jünger“ als mit 33. Herrje, ich bin Benjamin Button!


Verhinderter Workoholic

Was ich mir auch beweise: Ich war nie faul! Ich war nur immer gefangen in meinem Endometriose-Körper. Auch wenn ich manchmal wegen der Arbeitsbelastung rumnöle, im Grunde genieße ich es, erschöpft vom Vollzeitjob nach Hause zu kommen. Was geschafft zu haben.

Das wird mir alles bewusst, und dabei trage ich „nur“ einen 15 Kilo schweren Koffer die Treppe hinunter und hetze zum Flughafen. Aber halt eben nicht „nur“. Was für andere selbstverständlich ist, grenzt für mich an ein Wunder: Danach liege ich nicht den Rest des Tages unter Schmerzen in der Horizontalen. Mir wird beim Tragen des Koffers nicht mehr schlecht und schwindelig.

Es gibt keinen typischen Verlauf der Endometriose

Dieser Verlauf der Krankheit - also früh schon Symptome, im mittleren Alter der Schmerzgipfel und mit zunehmendem Alter wieder Besserung - ist nicht typisch. Manche Patientinnen erkranken erst später und hatten dafür früher weniger Probleme. Manche haben immer Probleme. Und niemand kann mir garantieren, dass die Schmerzen nicht wiederkommen. Denn die Endometrioseherde habe ich ja noch. Der Himmel weiß, warum sie gerade die Klappe halten. Ich achte zurzeit nicht wirklich auf meine Ernährung und stressig ist es gerade auch. Wenn ich das Geheimnis wüsste, glaubt mir, ich würde es hier sofort teilen.

Ganz symptomfrei bin ich nicht. Dafür habe ich verstärkt mit Migräne, Atemnot, Herzstolpern und Lebensmittelunverträglichkeiten zu tun und die Verwachsungen werden sicherlich auch noch den ein oder anderen Spaß für mich bereithalten. Aber es sind doch der Endometrioseschmerz und die Erschöpfung, die mich immer am meisten im Alltag beeinträchtigt hatten. Niemand kann voraussagen, wie es mit der Endo nun weitergeht. Endometriose - wie Benjamin Button halt einfach ein seltsamer Fall ...