Sonntag, 4. Februar 2018

Die Endometriosepatientin als Kundin – Von Wundermitteln und Mitteln, über die man sich wundert

Vor kurzem wurde ich von einer Firma angeschrieben, ob ich als endometriosegeplagte Buchautorin nicht ein Produkt, das extra für Endometriosepatientinnen entwickelt wurde, testen und auf meinem Blog vorstellen wolle. Grundsätzlich habe ich nichts dagegen einzuwenden. Ich hatte auch nichts gegen das Präparat als solches, waren es im Grunde genommen nur ein paar Nährstoffe und Vitamine, die zumindest mal nicht schaden können. Nein, es waren die Marketingmethoden, die mir ordentlich auf die Eierstöcke schlugen.


Was einem da nicht alles versprochen wird, von der Schmerzmilderung bis zur Fruchtbarkeit. Es werden einem medizinische Fachbegriffe entgegengeschleudert, ohne sie zu erklären, Hauptsache, es macht Eindruck. Und mit Studien wird man geradezu zugeschüttet. Studien von irgendwelchen Hochchulen aus dem asiatischen Hinterland. Ich weiß ja nicht, Leute ... Und nachdem ich ein bisschen nach freiverkäuflichen Präparaten für Endometriose googelte, stieg in mir eine Befürchtung auf: Man hat uns entdeckt – als Markt.

Nur nicht schwindelig werben lassen!


Das bleibt wohl nicht aus, wenn man auf eine Krankheit aufmerksam machen möchte, die noch recht unerforscht ist. Wie will man es nennen: marktwirtschaftlich-medizinischer Beifang? Ich werde hier weder Firmen noch Präparatnamen nennen, denn auch schlechte Werbung ist Werbung. Ich möchte eher allgemein ein paar Tipps loswerden. Und es ist meine ganz persönliche Meinung. Im Grunde kann jede selbst entscheiden, was sie sich hinters Gaumenzäpfchen kloppt. Gerade bei Endo probiert man alles mögliche aus und es hilft der einen, was der anderen nicht hilft. Wer bin ich, darüber zu urteilen? Aber ich denke, folgende Punkte sind wichtig:

Auch bei freiverkäuflichen Präparaten sollte man sich mal die Meinung eines Arztes angehört haben.

Ich finde es ganz wichtig, selbst so viel über die Endometriose zu lesen, wie es nur geht. Vor allem auch Studien und Doktorarbeiten, die im Internet zugänglich sind. Man muss nicht Medizin studieren, aber den ein oder anderen Fachbegriff mal nachgeschlagen zu haben, schadet nicht. Denn es ist eine zweifelhafte Methode, wenn man bei uns „Normalsterblichen“ mit medizinischen Begriffen wirbt, die kein Normalsterbllicher kennen kann. Da steckt häufig Methode dahinter.

Nur weil „Studie“ draufsteht, ist noch lange nichts „Qualifiziertes“ drin. Erstens hat mir ein Spezialist mal gesagt, dass es zur Endometriose noch keine repräsentativen Studien gibt, also noch keine Studien mit genügend Teilnehmerinnen und über einen Zeitraum, so dass man endgültige Aussagen treffen könnte. Zweitens: Ich habe selbst für eine Healthcare Marketingagentur gearbeitet. Gott sei Dank war es eine seriöse und dort ging man mit der Erwähnung von Studien in den Werbetexten eher vorsichtig um. Mein persönlicher Eindruck: Je mehr mit Studien geworben wird, desto nötiger hat es ein Präparat.

Vorsichtig bin ich bei Versprechungen, die auf Schmerzmilderung und Verbessserung der Fruchtbarkeit bei Endometriose zielen. Ich kann nur den Text von Sylvia Mechsner vom Endometriosezentrum der Charité Berlin: „Endometrioseschmerzen verstehen“, in der Broschüre der Endometriose-Vereinigung „Mit Endometriose leben – Gesundheitliche, psychische und soziale Auswirkungen von Schmerzen“ (http://www.endometriose-vereinigung.de/tl_files/endo/benutzerordner/infomaterial/Broschuere%20Mit%20Endometriose%20leben%202017.pdf) empfehlen. Da wird es einem mal bewusst, wie komplex und kompliziert die Schmerzentstehung bei Endometriose ist und wie viele Arten von Schmerz es bei der Endo überhaupt gibt. Und wir alle wissen, wie heftig der Schmerz ist und dass manchmal sogar Mittel aus der Gruppe der Opioide versagen. Mineralien und Vitamine sind ja immer irgendwie unterstützend. Wie realistisch eine spürbare Abmilderung da ist, hmmmm. Aber wie gesagt, vielleicht kann es ja bei manchen tatsächlich was bewirken. Das muss jede für sich herausfinden.

Ich sehe da nur 3 „Gefahren“:
1. Hoffnungen werden hochgeschraubt. Die Enttäuschung ist hinterher umso größer.
2. Wenn man keinen Effekt spürt, man aber gelesen hat, dass es doch durch Studien bestätigt ist, dass dieses Mittel helfen soll, da kommt schnell die Frage auf: Warum hilft es bei mir nicht? Und da sind wir wieder, im Sog der Selbstzweifel und dem Gefühl, dass man mal wieder die einzige ist, die die „Arschkarte“ gezogen hat. Psychisch nicht gerade förderlich
3. Bei Nichtbetroffenen erweckt die Werbung für solch „einfache Mittel“: Ach, wenn so ein Nahrungsergänzungsmittel für Endo bei Schmerzmilderung und Fruchtbarkeit helfen kann, dann kann das ja gar nicht so eine schlimme Krankheit sein ...“

Auch bei Unfruchtbarkeit durch Endometriose gibt es immer wieder ein paar Möglichkeiten, die als Ursache angeführt werden, aber auch da ist noch einiges im Unklaren. Mit Hoffnungen und Sehnsüchten lässt es sich eben sehr gut werben.

Immer vorsichtig sein, wenn Formulierungen verwendet werden wie „wissenschaftlicher Durchbruch“, „Lösung“, „die Innovation“ ... , man aber auf offiziellen Seiten wie Endometriose-Vereinigung Deutschland, Stiftung Endometriose-Forschung,  Endometrioseliga, Endometriosis News nichts darüber findet. Da darf man schon mal skeptisch sein.

Die Leitlinie zur Endometriosebehandlung gibt es hier: http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/015-045.html Die sollte man auch mal durchgelesen haben, wie ich finde. 

Ich denke, bei allen Mittelchen ist es wichtig, sie als Ergänzung eines multimodalen Ansatzes in der Endotherapie zu sehen. Solche Präparate sind wie Sport: Regelmäßiges Joggen allein nützt einem nichts, wenn man jeden Tag 10 Schachteln Kippen raucht und seinen Namen im Sitzkissen einer Fastfoodkette eingestickt hat. Da muss man schon mehr unternehmen.

Und wer bei einem Preis von 300-400 Euro für eine dreimonatige Anwendung eines neuen, freiverkäuflichen Naturpräparates nicht vorsichtig ist, tja ...

Dieser Artikel ersetzt nicht den Rat durch einen Arzt oder sonstigen medizinischen Fachleuten.