Sonntag, 17. Dezember 2017

Von Bedürftigkeit und Bedürfnissen



„There you are! Let´s get in the car, it´s bloody cold!“ Wir umarmen uns, steigen ein und fangen an zu schnattern wie zwei alte Schulfreundinnen. Dabei sehen wir uns zum ersten Mal. Wie das oft bei „Endo-Schwestern“ ist - wir kennen die Geschichte der anderen nicht, und kennen sie doch. So ist man sich schnell vertraut.

Wir gehen in ein kleines Café im Zentrum einer Kleinstadt in der Nähe von Edinburgh. Ich bin sehr darauf gespannt, was sie als schottische Endometriosepatientin zu erzählen hat. Der internationale Vergleich sozusagen. Schnell muss ich feststellen, dass es dieselben Probleme sind wie in Deutschland: Sie wurde jahrelang von den Ärzten nicht ernst genommen. Es hieß, es sei nur in ihrem Kopf. Nun kämpft sie dafür, dass sich an der öffentlichen Wahrnehmung der Erkrankung was ändert. Der nächste Schritt sei, dass die schottische Regierung Endometriose als Grund für eine Behinderung anerkenne. Dasselbe Leiden, dieselben Kämpfe.

Bei ihr wachse die Endo munter in die Beckenmuskulatur hinein, die schon zum Teil abgetragen worden wäre. Als man ihr nach dem letzten Untersuchungsmarathon eine weitere OP vorschlug, sagte sie, das käme auf gar keinen Fall mehr in Frage. Jetzt schleppt sie sich lieber mit den Schmerzen herum. Ich kann sie sehr gut verstehen, habe ich doch nach der Diagnose meines Rezidivs damals dieselbe Entscheidung getroffen. Zu groß ist die Angst vor den Konsequenzen eines weiteren Eingriffes.

Sie erzählt mir, wie Freundschaften an der Endo zerbrochen sind, dass sie sich fragt, wie lange der Ehemann das alles noch mitmache. Wenn er jetzt schon bei der Endo als „gutartige“ Erkrankung so einknicke, könne sie dann überhaupt noch auf ihn zählen, wenn es wirklich eines Tages mal Krebs würde oder sie tatsächlich mal im Rollstuhl lande? 

Ich beobachte an ihr, was ich nur zu gut von mir selbst kenne: Sie relativiert ihre Aussagen immer wieder. Auf der einen Seite sagt man, wie schlimm alles ist. Im selben Moment sagt man, man wolle sich nicht beklagen. Nö, nö, man käme schon zurecht. Es ist ein Wechselspiel zwischen Verwundbarkeit signalisieren und Stärke zeigen, als sei man sich nicht sicher: Ist es ok, um Hilfe zu schreien? Darf ich mich beklagen? Am Ende steht die Frage dahinter: Darf ich Bedürfnisse haben?

Immer wieder ein Thema: Endometriose und Trauma


Und dann höre ich – und ich muss an der Stelle leider „mal wieder“ sagen – die Geschichte einer Vergewaltigung in ihrer Vergangenheit. Und auch den Satz, der dann folgt, habe ich schon öfters gehört: „Danach fing es dann mit den Schmerzen an“. Ein schwieriges Thema. Ich weiß, einige Experten sind darum bemüht zu zeigen, dass nicht unbedingt ein Trauma vorliegen muss, wenn eine Frau Endometriose hat. Das glaube ich auch nicht. ABER: eine englischsprachige Studie unterstreicht, dass man Hinweise darauf gefunden hat, dass, wenn auch nicht die Ursache, wenigstens Verlauf und Schweregrad der Erkrankung im Zusammenhang mit einem Trauma zu sehen sein könnten. Das kann ich mir schon durchaus vorstellen. Ich befürchte, man wird die Zusammenhänge nie wirklich aufklären können.

Ich persönlich habe noch nie eine Endometriosepatientin getroffen, die gesagt hätte: „Alles super gelaufen, bis auf die Endo.“ In meinen ganz persönlichen Begegnungen finde ich es auffallend, wie oft ich von Gewalt, Missbrauch oder zumindest von emotionaler Vernachlässigung und/oder Überforderung gehört habe. Wie sich Familie und/oder Partner an den Betroffenen regelrecht „austoben“. Anders herum formuliert könnte man sagen: Wir scheinen nicht zu wissen, wie wir uns verteidigen sollen, Grenzen ziehen, eigene Bedürfnisse erkennen, geschweige denn durchsetzen.

 Eigentlich ist es ganz einfach - eigentlich ...


Wir sitzen uns gegenüber und rühren betreten in unseren Teetassen. Als sie aus ihren Gedanken wiederkehrt, sagt sie: „Eigentlich ist es ganz einfach, uns glücklich zu machen. Es ist einfach, uns zu lieben. Alles, was wir brauchen, ist TROST.“
„Ja, Umarmungen. Gehalten werden“, füge ich hinzu. Sie nickt. Letztens hatte ich noch einen Artikel gelesen, dass man gezeigt habe, dass Umarmungen traumatisierten Menschen dabei helfen würden, ihre Teile, in die sie zerrissen wurden, zusammenzuhalten. Macht also Sinn.

Eigentlich ganz einfach. Und dann anscheinend doch wieder schwierig. Denn wir brauchen den Trost oft und immer wieder. Unsere Wunden sitzen tief. In unseren Körpern und unseren Seelen. Und so sind wir vor allem eins, ohne es sein zu wollen: bedürftig. Und nicht selten schämen wir uns dafür, wollen doch gerade wir die Starken sein, die keine Hilfe brauchen, sondern sich um andere kümmern, andere „heilen“ wollen. Wie habe ich es letztens noch gelesen: Der Wunsch, gebraucht zu werden, sei auch eine Form von Bedürftigkeit. Ganz schön kompliziert.

 Von Bedrürftigkeit und Bedürfnissen


Zugegeben, es ist etwas verwirrend mit Bedürfnissen und Bedürftigkeit. In Artikeln diverser Psychologieseiten lese ich, man soll Bedürftigkeit ablegen. Und das tue man, indem man sich um seine Bedürfnisse selbst kümmert. Diese muss man erst mal erkennen. So ein Trauma sorgt oft dafür, dass man genau das eben nicht kann. Man ist von seinen Emotionen abgeschnitten, eine Art Überlebensstrategie. Wie soll man da seine Bedürfnisse erkennen? Für mich persönlich beginnt der Kampf gegen die Endometriose mittlerweile mit der Auflösung des Traumas. Momentan steht für mich die psychische Seite der Erkrankung im Mittelpunkt.

Nach Schottland zu gehen, nachdem ich eh alles verloren hatte, gehört für mich dazu. Ich erzähle ihr, wie ich mich gegen eine OP entschieden hatte und den Entschluss gefasst habe, stattdessen jedes Risiko in Kauf zu nehmen. Die Zyste könnte platzen, es könnte wieder zu einem Darmverschluss kommen, die Niere könnte irgendwann schlappmachen. Nun könnte ich mich zuhause einigeln und darauf warten, dass es passiert, oder halt einfach mal so leben, wie ich es mir vor der Erkrankung immer vorgestellt hatte. Und wenn es nur für ein Jahr sei. Sie schaut mich an, lächelt auf einmal und sagt: „Yeah! Let´s make it a good year!“

Nach fünf Stunden umarmen wir uns wieder, zum Abschied. Am 24. März werden wir uns hoffentlich wieder treffen – beim Endo March in Glasgow 😊
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 Dieser Artikel ersetzt nicht den Rat durch einen Arzt oder Psychologen.