Freitag, 29. September 2017

Nö, Endo, Du kriegst von mir keinen Tag!



Heute, der 29. September 2017, war der Tag der Endometriose. Der Zufall wollte es so, dass es auch mein freier Tag in der Woche war. Und als ich heute Morgen die ersten Posts auf Facebook sah, dachte ich mir so: „Sorry, Endo, heute ist MEIN Tag! Denn schließlich bin ich es, die dich seit 27 Jahren rumschleppt und dir den Nährboden zum Wachsen und Gedeihen bietet. Und du machst es dir nur bequem, du faules Stück.“


Wenn dich deine Glaubenssätze kirre machen


Ich befinde mich ja in einer Phase der radikalen Veränderungen. Wenn man es so will, bin ich mein eigenes Endometriose-Experiment. Ich hatte mich im Sommer gegen eine weitere OP und fürs Auswandern entschieden. Ich dachte mir, mach es einfach! Und wenn es nur für eine kurze Zeit gut geht und die Konsequenzen mich dann wieder niederraffen, is et halt so.

In meiner ganz persönlichen Endo-Geschichte habe ich für mich herausgefunden, dass emotionaler Stress irgendwie eine viel wichtigere Rolle bei der Schmerzentstehung zu spielen scheint, als ich zunächst angenommen hatte. Ob dies auch fürs Wuchern von Endo gilt - ich weiß es nicht. Ich erinnere mich an einen Vortrag, in dem es hieß: Das Wuchern bedingt Schmerzen und die Schmerzen können durch bestimmte physiologische Prozesse wieder das Wuchern begünstigen. Ist also in bestimmten Fällen vielleicht möglich.

So versuche ich nun also, meine inneren Glaubenssätze zu reflektieren und zu durchbrechen, um mich von einer Art „existenziellem, emotionalen Leidensdruck“ zu befreien, in der Hoffnung, dass sich das positiv auf den Verlauf meiner Krankheit auswirkt. Glaubenssätze, die schon seit frühester Kindheit in mir schlummern, wie z.B.:

  • Ich bin es nicht wert.
  • Ich habe es nicht verdient.
  • Ich bin schuld.
  • Ich bin verantwortlich.
  • Ich bin dafür verantwortlich, wie es den Menschen um mich herum geht.
  • Nur nicht zu glücklich sein, sonst passiert wieder eine Katastrophe (Ich werde dafür bestraft.)
  • Ich muss funktionieren, damit ich geliebt werde.
  • Ich muss effektiv sein, damit ich geliebt werde.
  • Ich muss mich an die „Regeln“ halten. Nur dann werde ich geliebt.

All solche Dinge. Ich weiß auch, woher sie kommen, das würde hier aber zu weit führen.

Eine Heimat finden


Und warum auch immer scheint es mir besser zu gelingen, diese Glaubenssätze zu durchbrechen, wenn ich mich wohl, geborgen, angenommen und einfach zuhause fühle. Und dieses Gefühl habe und hatte ich schon immer in Schottland. Und bisher war ich ja auch nur in meinem Auslandsjahr in Schottland komplett schmerzfrei gewesen. Keine Ahnung, wieso gerade hier. Manchmal blickt man nicht hinter seinen eigenen Kopp. Ich möchte für mich herausfinden, ob ich hier auch dauerhaft eher „gesund“ sein kann. Im Grunde hat mich purer Überlebensinstinkt hierher gespült.

Vielleicht ist der Ort, an den man geht, eigentlich gar nicht so wichtig. Vielleicht ist es wichtiger, dass man einen bestimmten Ort verlässt. Und mit "Ort" meine ich nicht unbedingt einen geografischen Punkt, sondern seinen Ort im Koordinatensystem der eingefahrenen Verhaltensmuster und Glaubenssätze. Seine alte, vertraute Rolle, in der man sich schon immer befand, angefangen mit dem Koordinatensystem „Familie“.

Ich erinnere mich an Gespräche mit Betroffenen, in denen so Sätze gefallen sind wie: „Ich war schon immer das schwarze Schaf der Familie“, „Ich musste früh die Verantwortung übernehmen“, „Alle haben ihren Frust immer an mir ausgelassen“, „Ich wurde nie gehört bzw. gesehen“ geschweige denn Erzählungen von Gewalt und Missbrauch, die manche Frauen in dem Zusammenhang erwähnen. Das sind die „Orte“, die man vielleicht verlassen muss. Die Rollen und Überzeugungen, die tief in uns verankert sind.

Ich persönlich scheine dies nur durch eine wirkliche Distanz zu schaffen. Muss ja nicht bei allen Betroffenen so sein. Am Ende geht es darum, eine Heimat in sich selbst zu finden.

Wie hat sich das Auswandern bisher auf meine Endo ausgewirkt?


Am Anfang der Trennung vom alten Leben wurde die Endometriose wieder aktiver. Ich hatte nach drei Jahren wieder Schmerzen. Eigentlich waren die Schmerzen immer in Phasen des Umbruches schlimmer. Eine wahre Hochsaison für Glaubenssätze:

  • Ich werde es nie schaffen, denn ich kann ja nix.
  • Alleine kriege ich nichts auf die Reihe, Ich werde auf der Straße landen und elendig eingehen.
  • Ich habe es nicht verdient, dass ich es schaffe.
  • Ich bin es nicht wert, dass ich es schaffe.
  • Man wird mich hier nicht wollen, denn ich bin es nicht wert, geliebt zu werden …

Und ich glaube, dass hier tatsächlich Verlustängste eine Rolle spielen. Emotional ging es mir selten schlechter als die letzten zwei Monate. Abschied, Trauer, Loslassen – die Schmerzen haben mich nicht wirklich überrascht.

Loslassen und Ankommen


Langsam komme ich hier an. Es war und ist nicht einfach. Aber ich habe jetzt einen festen Wohnsitz und eine feste Arbeitsstelle. Ich habe keine Ahnung, wie lange mein Körper die 40 Stunden-Woche mitmachen wird. Aber ich habe den Eindruck, dass mir dieses Geborgenheitsgefühl dabei hilft. Auf der Arbeit wird mir viel Verständnis entgegengebracht, und ich meine damit nicht nur die Kollegen. Die Firma tut alles, Bedingungen für die Mitarbeiter mit chronischen Krankheiten zu erfüllen, damit sie sich wohl fühlen.

Und Leute, ich habe hier wirklich Stress. Ich gehe jeden Tag auf dem Zahnfleisch, esse Weizenprodukte ohne Ende und haue mir einen Caramel Macchiato nach dem anderen gegens Gaumenzäpfchen. Aber die Schmerzen - sind wieder weg.

Heute hatte ich schon meinen Caramel Macchiato und bin dann in der Sonne die Princes Street entlang spaziert. Keine Ahnung, ob mir die Verwachsungen am Darm und an der Niere oder die Endometriosezyste am Eierstock eines Tages zum Verhängnis wird. Aber eines sage ich dir, liebe Endometriose: Der 29. September 2017 - das war MEIN Tag!