Donnerstag, 17. August 2017

Treibermutationen in der tiefinfiltrierenden Endo - was bedeutet das?



Ich persönlich habe mich schon oft dabei erwischt, Außenstehenden die Endometriose mit Vergleichen zu Krebs zu beschreiben, um die Ernsthaftigkeit meiner Erkrankung zu unterstreichen. Bisherige Ansätze mit „verschütteter Gebärmutterschleimhaut“ sind mir da einfach zu löbsch. Immerhin habe ich Organteile verloren. Aber ich kam oft ins Formulierungsschleudern: „Es hat mit Tumoren zu tun, ist aber kein Krebs. Es wächst teilweise wie Krebs, zehrt die Zellen aber nicht aus …“. Irgendwann schalten die Zuhörer dann ab. Und irgendwie war ich mit meinen Ausführungen so nie zufrieden.


Immer wieder wird der Zusammenhang zwischen Endometriose und Krebs thematisiert. So war vor Kurzem erst von sogenannten „Treibermutationen“ in der tiefinfiltrierenden Endometriose zu lesen, die man normalerweise nur bei Krebs findet. Der Artikel wurde in den sozialen Netzwerken geteilt mit Anmerkungen wie: Endometriose ist also doch gefährlicher, als man bisher annahm.

Habe ich jetzt ein höheres Krebsrisiko?


Wenn man mit so einer tiefinfiltrierenden Endometriose rumläuft, wird es einem da erst mal ganz anders. Ich ging den Artikel durch – und verstand kein Wort. Der Artikel sagte mir ehrlich gesagt gar nichts. Habe ich jetzt etwa ein höheres Krebsrisiko oder ist die Endometriose dem Krebs tatsächlich ähnlicher, als man annahm?

Ich beschloss, einen Mann dazu zu befragen, der sich mit der Thematik auskennt. Ich telefonierte mit Prof. Dr. Ulrich vom Endometriosezentrum am Martin-Luther-Krankenhaus Berlin, der auch den diesjährigen Endometriose-Kongress leitete. Prof. Dr. Ulrich ist Experte für gynäkologische Krebserkrankungen und Endometriose und ist in den deutschsprachigen Ländern federführend in der Forschung zum Zusammenhang zwischen Endometriose und Krebs.

Prof. Dr. Ulrich zu Endometriose und Krebs


Am Anfang unseres Gesprächs sagt Prof. Dr. Ulrich, dass die Entdeckung der Treibermutationen in der tiefinfiltrierenden Endometriose gar nichts Neues sei. Und dann stellt er klar: „JEDES Gewebe hat das Potential zu entarten“. So hätte natürlich auch Endometriosegewebe dieses Potential.

Und dann sagte er etwas sehr Einprägsames, womit ich so auch nicht gerechnet hätte: „Bei anderen Geweben ist die Wahrscheinlichkeit viel größer. Die normale Gebärmutterschleimhaut beispielsweise hat ein wesentlich höheres Entartungsrisiko als die Endometriose“. Zum Vergleich: Im Jahr gäbe es in Deutschland etwa 11.000 Fälle an Gebärmutterschleimhautkrebs, und an Fällen, wo es auf Basis der Endometriose zu einer Krebserkrankung käme, wären es gerade mal 50-60.

(Wir müssen uns im Grunde mehr Gedanken um unser Krebsrisiko machen, weil wir eine Gebärmutter haben, und nicht, weil wir Endometriose haben. So hatte ich das noch nie betrachtet. Weiß nicht, ob ich das jetzt unbedingt besser finde, aber realistisch betrachtet ist es nun mal so ... )

Prof. Dr. Ulrich fügt hinzu, dass die Prognosen bei Krebs auf Basis einer Endometriose in der Regel sogar besser seien. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, aber Endometriose assoziierte Karzinome seien selten ausgeprägt. Frauen mit Endometriose und einem Ovarialkarzinom seien oft sogenannte „Langzeitüberleber“. Der ordinäre Ovarialkrebs ohne Endometriose sei meist viel schlimmer.

Ja, es stimme, die tiefinfiltrierende Endometriose zeige manche Eigenschaften von bösartigen Tumoren (Anmerkung: das Wachstumsverhalten beispielsweise mit Ausbildung eigener Blutgefäße wie bei einem Krebstumor). Aber man müsse ganz klar sagen: Man habe mit Endometriose nicht die Konsequenzen einer malignen Erkrankung. Und abschließend merkt Prof. Dr. Ulrich nochmal an: „Als Endometriosepatientin hat man kein höheres Krebsrisiko“.

Endometriose ist schlimm genug

Endometriose ist eine ganz eigene Kategorie von Erkrankung. Sie ist kein Krebs. An Endometriose selbst stirbt man nicht. Sie nimmt einem nicht das Leben. Aber nur, weil etwas kein Krebs ist, heißt es nicht, dass es nicht das Potential hat, ein Leben zu zerstören. Die Ernsthaftigkeit von Endometriose sollte daher alleine mit dem Wort „Endometriose“ klar werden. Daher machen wir Betroffenen die Öffentlichkeitsarbeit. Damit eines Tages alle wissen, was Endometriose ist und ein Gespräch mal ohne den Krebs-Vergleich ablaufen kann: „Ich habe Endometriose“. – „Das tut mir leid. Das ist bestimmt nicht einfach“… Und nicht wie bisher: „Sie haben was?“ …
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Titelbild unbearbeitet: https://pixabay.com/ CC0 1.0