Die Linguistik des Endometriose-Schmerzes





„Dann zeigen Sie mal, wo der Schmerz sitzt!“ Verwirrt schaute ich den Arzt in der Notaufnahme an. Ich kam mir vor wie ein kleines Kind: „Dann zeig mal dem Onkel Doktor, wo das Aua ist!“ (Fallt nicht drauf rein. So sehr wir uns auch anstrengen, wir kriegen keine Lollys mehr ...). Ich hatte es ihm vorher schon einmal gesagt: „Ich kann nicht draufzeigen. Es sitzt weiter hinten, mehr so in der Körpermitte.“

In der Situation wurde mir klar, dass auch manche Ärzte davon ausgehen, dass es sich bei Endometriose immer um „Bauchschmerzen“ handle, und wenn man daraufzeige, müsse der Schmerz direkt da hinter der Bauchdecke sitzen. In meinem Erleben war es aber vielmehr so, dass der Schmerz da sitzt, wo nun mal der Endometrioseherd sitzt. Hätte ich draufzeigen wollen, so wie es der Arzt wiederholt von mir forderte, hätte ich meine Hand bis zum Anschlag anal einführen müssen. Sorry, dazu war ich nun wirklich nicht bereit, mal ganz davon zu schweigen in der der Lage dazu … Also sagte ich wieder: „In der Mitte des Körpers.“

Wo liegt die Mitte?


Was war daran so schwer zu verstehen? Man nehme den Körperabschnitt zwischen Bauchnabel und Gesäßknochen und gehe genau in die Mitte der drei Dimensionen Höhe, Breite und Tiefe. Wo kommt man da raus? Wer jetzt denkt: „In Hannover!“, hat es immer noch nicht verstanden ...

Jedenfalls fällt immer wieder auf, wie schwierig es ist, Schmerz zu kommunizieren. Auch was die Intensität angeht. Es gibt so Vergleiche wie: Endometrioseschmerz sei so heftig wie bei einem Herzinfarkt, wie beim Cluster-Kopfschmerz oder sei mit Wehen zu vergleichen.

Jetzt hat man einen Partner, der bei bester Gesundheit ist (was natürlich schön ist) und der Gunst der Natur zuteilwurde, nicht durch die „Freuden“ des Gebärens gehen zu müssen. Wie erklärt man dem das? Ich finde, da müssen Bilder her, die Situationen beschreiben, die jeder kennt. Man stelle sich Folgendes vor:

Da hilft auch kein Schlüsseldienst!


Man ist in Eile, schnappt sich schnell Schlüssel und Jacke, eilt aus der Wohnung und schwingt hinter sich die Haustür mit voller Kraft zu – zieht nur leider den Daumen nicht schnell genug weg … Wenn man nicht gerade eine Prothese trägt oder im Vollrausch ist, zünden im besten Fall die Synapsen, und was macht man dann? Richtig - man öffnet die Tür so schnell wie möglich wieder.

So. Jetzt ist es aber so, dass man beim Zusammenzucken durch den Schreck den Haustürschlüssel hat fallen lassen und der in den Gully gefallen ist… Dann steht man da. Und jetzt stellen wir uns noch vor, dass anstatt des Daumens sämtliche Organe zwischen Tür und Türrahmen stecken. Voilà! Damit wären wir auch schon etwa beim Endometriose-Schmerz.

(Und dann kommt der Schlüsseldienst. Mit dem steht man auf der einen Seite der Tür. Und der Schlüsseldienst sagt: „Ich kann Ihnen nur helfen, wenn sie jetzt mal auf ihren Daumen zeigen. Tja. Nur der ist leider auf der anderen Seite der Tür …)
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2 Kommentare

  1. Hey ist super beschrieben. Daran merkt man immer wieder wie ernst ein Arzt jemand nimmt. Alles gut für dich ♡♡

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    1. Hey, danke schön! Ich glaube, da kommen einige Dinge zusammen: Endo betrifft Frauen. Die Forschung zeigt, dass Frauen mit Schmerzen nicht so ernst genommen werden wie Männer mit Schmerzen... UND von Endometriose hat außer den Spezialisten kaum ein Arzt Ahnung. Wäre schön, wenn sich daran mal was ändern würde ... Liebe Grüße!

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