Gute Phase – jetzt wird gelebt!


Ich lebe nun schon seit fast vier Monaten in Schottland. Ich habe nicht mehr die Schmerzen in der Intensität, wie es mal war. Keine Ahnung, wieso das so ist. War es der Weizenentzug, die Psychotherapie mit all den Veränderungen, oder ist es das Alter und die hormonelle Umstellung des Körpers? Habe ich nur eine gute Phase und die Schmerzen kommen eines Tages wieder? Manche Betroffenen erzählen es mir so, dass sie zwischendurch auch mal drei oder mehr Jahre schmerzfrei waren und dann fing es wieder an. Und schon schlägt der Wenn-Zustand wieder zu: „Was mache ich, wenn es bei mir auch so ist und sie wiederkommt …?“

Der gemeine Wenn-Zustand


Ich spüre die Endo natürlich noch. Links hinter der Gebärmutter. Mache ich mit dem linken Bein einen Ausfallschritt (passiert schon mal, gestern erst wieder beim Badezimmer-Putzen …), bereue ich es. Rechts die Zyste. Je nach Ernährung und Zyklustag drückt es ganz schön. An der Niere die Verwachsungen. Manchmal wache ich auf und habe leichte Schmerzen in Höhe der rechten Niere. Und schon denke ich: „Was, wenn die Endo links hinten wieder in den Darm hineinwächst? Wenn die Zyste platzt oder die Niere so weit staut, bis sie aufgibt?“

Du kommst hier nicht rein, Wenn!


Alles in allem habe ich die Nase voll von diesem Wenn-Zustand!
Er ist ganz schön zermürbend.

Ich habe mir einen Satz zurechtgelegt für den Fall, dass der Wenn-Zustand mal wieder zuschlägt – eine Art persönliches „Wenn-Mantra“:

„Wenn die Niere aufgibt, würde sie in Deutschland genauso aufgegeben wie hier in Schottland!“

Das Mantra beantwortet mir nicht die Frage, was ohne Endo gewesen wäre. Es sagt mir nicht, was ich machen werde, wenn die Endo wieder zuschlägt. Es macht mir aber bewusst, dass mein Schicksal nicht wirklich von meinen Grübeleien und Entscheidungen abhängt. Es macht mir bewusst, dass sowieso eintritt, was ich nicht kontrollieren kann. Es macht mir die Unberechenbarkeit der Endometriose bewusst, und wenn sie eh unberechenbar ist, was habe ich dann noch zu verlieren?

Im Grunde gibt mir das eine gewisse Entscheidungsfreiheit. Die habe ich aber ganz klar nur, weil ich momentan nicht mehr die schlimmen Schmerzen und auch nicht mehr diese unglaubliche Erschöpfung habe. Mit diesen Symptomen steht und fällt alles. Ich glaube, das verstehen nur Betroffene.

Schwestern, lasst es krachen!


Momentan ist es so, als hätte ich Jahrzehnte unter der Erde gelebt und darf gerade (nur eine Weile?) das Sonnenlicht sehen. Wie gesagt, es ist schön. Aber es macht mich auch traurig. All die Jahre, in denen man ausgebremst war und nicht wirklich „leben“ konnte. Es macht mich traurig für meine Endo-Schwestern, die gerade in der akuten Phase stecken. Es macht mir Angst, dass ich wieder „unter die Erde“ zurückgeschickt werde. Auch das können nur Betroffene verstehen.

Man fragt mich immer wieder nach Tipps, auch in Interviews: „Was würden sie anderen Betroffenen raten?“ Ich glaube, die beste Antwort, die ich mittlerweile darauf geben kann: „Wenn Ihr mal eine gute Phase habt, lebt!!! Seid keine „guten Mädchen“ und versucht in den guten Phasen in Arbeit und Karriere aufzuholen, dann nur für andere da zu sein oder zu funktionieren. Habt Spaß, haut auf die Kacke!!!“ Klingt vielleicht banal und abgedroschen, aber am Ende ist es der beste Rat, den ich momentan geben kann.

In diesem Sinne: Ich tanze jetzt mal eine Runde durchs Wohnzimmer - hier in Edinburgh 😊

Passt auf Euch auf!

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