Eine Frage des Glaubens?


„Germanistik ist doch kein richtiges Studium. Da muss man ja gar nicht bei denken“. Wir saßen in einem Biergarten in Bonn. Eine Freundin und ich, die wir Germanistik studierten, und zwei Jurastudenten. Einer der Herren hatte mit meiner Freundin angebandelt. Das war auch der einzige Grund, warum ich damals nicht einfach aufgestanden und gegangen bin und mir angehört habe, dass ich akademisches Gewürm sei.

So ist es an der Uni. Manche Studienfächer fühlen sich anderen überlegen. Wir Germanisten dümpelten da eigentlich immer am untersten Ende der Nahrungskette herum, weil die meisten denken, es sei wie Deutschunterricht, nur länger. Wir teilten uns die Position mit so Fächern wie Soziologie und Keltologie. Juristen fühlten sich mit ihren Rechtswissenschaften immer obenauf. Die einzigen, die sich sogar noch den Juristen überlegen fühlten und somit an der Spitze der Nahrungskette wähnten, waren die Medizinstudenten.

Wissen über Glauben

Man kennt den jahrhundertelangen Streit zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. Naturwissenschaftler lachen immer über die einfältigen Geisteswissenschaftler, die die Bezeichnung „Wissenschaftler“ eigentlich ja auch nicht verdienten. Die einzige wahre Wissenschaft sei die Naturwissenschaft! Alles muss beweisbar, messbar, belegbar sein, sonst existiert es nicht bzw. ansonsten ist es nicht wert, dass darüber nachgedacht wird. Wissen steht ganz klar über Glauben! Danach ist unser ganzes Gesundheitssystem aufgebaut. Daher zahlt die Krankenkasse nur Behandlungen, zu deren Wirksamkeit auch Beweise in Form von repräsentativen Studien vorliegen. Daher hebt so mancher Schulmediziner beim Anblick eines Globuli die Augenbraue.

Umso mehr erstaunt es mich - ja, ich muss zugeben, es amüsiert mich gar - folgende Beobachtung gemacht zu haben. Ich erzähle es anhand des jüngsten Beispiels:


Wenn das "Unmögliche" eintritt

Eine Betroffene schrieb mir, sie sei mit massiven Schmerzen ins Krankenhaus gegangen. Da hätte man ihr gesagt, Endometriose könne es nicht sein, sie sei vor einem Jahr erst saniert worden. Deshalb würde man da auch keine weiteren Schritte einleiten. Sie solle halt mehr Schmerzmittel nehmen. 

In derselben Woche rief mich eine Freundin an. Fix und fertig mit den Nerven: Darmspiegelung und MRT hätten ergeben, es liege bei ihr ein massiver Endo-Befall am Darm vor. Dabei sei sie doch erst vor einem Jahr saniert worden. 

Hmmmmm … 

Nun stellt sich einem die Frage, wie man im ersten Fall zu der Aussage kommt, nach einem Jahr könne es keine Endometriose sein.

Achtung: Klugscheißerei!

Ich sage es mal so: Da ich von einem Fall wie dem zweiten schon öfters gehört habe und die Fälle in der Regel in den Krankenhäusern dokumentiert werden, liegen Dokumentationen über solche Fälle aller Wahrscheinlichkeit nach ja vor. Das heißt: Sie sind beweisbar

Die Zeit von Krankenhausaufenthalten und Eingriffen wird immer mit in der Dokumentation erfasst. Der Zeitraum „ein Jahr“ (bzw. der kürzeste dokumentierte Zeitraum, der mir nicht bekannt ist) ist also klar belegt

Massive Befälle sieht man im MRT, spätestens bei der OP erkennt man das Ausmaß des Rezidivs, so wohl auch bei den dokumentierten Fällen von Endometrioserezidiven nach einem Jahr (bzw. dem kürzesten dokumentierten Zeitraum), womit diese messbar wären. 

Geht man also von der Prämisse aus, dass für Naturwissenschaftler alles beweisbar, belegbar und messbar sein muss, ist ein möglicher Endometriosebefall nach einer Sanierung nach nur einem Jahr - bzw. dem kürzesten dokumentierten Zeitraum zwischen Sanierung und Rezidiv - ganz klar durch reale Fälle verifiziert, also wissenschaftlich bewiesen. Ergo muss bei der Abklärung massiver Schmerzen nach nur einem Jahr (bzw. dem kürzesten dokumentierten Zeitraum) nach einer Sanierung immer die Möglichkeit, es könnte sich wieder um Endometriose handeln, mit eingeschlossen werden. Und da medikamentöse Therapien bei verschiedenen Endometriosepatientinnen unterschiedlich anschlagen und man da auch keine Gewissheit haben kann, dass die Endo nicht doch weiterwächst, dies auch noch unabhängig von der bisher durchgeführten hormonellen Therapie.

Die Aussage aus unserem ersten Fall – es könne nach einem Jahr keine Endometriose sein – wurde von den Ärzten getroffen, weil sie von der Verifizierung solcher Fälle anscheinend nichts gewusst haben. Da solche Fälle verifiziert sind, ist ja gleichzeitig das Gegenteil, dass solche Fälle nicht vorkommen, falsifiziert. Ich gehe also nicht davon aus, dass dann Studien existieren können, die belegen, dass solche Fälle ausgeschlossen sind, auf die sie sich mit dieser Aussage dann beziehen könnten.

Die Ärzte müssen die Aussage getroffen haben, weil sie sowas vielleicht selbst noch nicht beobachtet haben, was aber keiner wissenschaftlichen Beweisführung gleichkommt. Sie haben die Aussage also dann nicht getroffen, weil sie es WUSSTEN, sondern weil sie es annahmen, in anderen Worten: GLAUBTEN!

Und das als Naturwissenschaftler … Weia! 

So, ich geh jetzt mein Einhorn ausreiten. Ich darf das. Ich bin ja Geisteswissenschaftlerin 😉 



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Titelbild erstellt mit canva.com
Dieser Artikel ersetzt nicht den fachlichen Rat durch einen Arzt /eine Ärztin!

 

2 Kommentare

  1. Sehr schön. Martina, du zauberst mir mit deinen Geisteswissenschaften immer ein Lächeln ins Gesicht. Übrigens, mein kürzester nachgewiesener Zeitraum waren 2 Monate. -in Worten zwei ��
    Ein Jahr, fünf Operationen und fünf mal nachgewiesene Endo. Immer diese Halbgötter in weiß.....

    Bleibt tapfer Endo Sisters....

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    1. 5 OPs in einem Jahr!!! Ich sag ja immer, bei der Endometriose gibt es nichts, was es nicht gibt ...
      Das freut mich riesig, dass ich Dir ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann, meine tapfere Endo Sister :-) Ganz liebe Grüße!

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