Radikale Veränderung


So! Endlich komme ich wieder zum Bloggen! Es ist einiges passiert in letzter Zeit! Irgendwie scheint gerade eine Welle durchs Universum zu rollen, ich weiß auch nicht. Nichts von all dem, was sich gerade ereignet, war geplant. Das Planen habe ich seit Ausbruch der Endo eh aufgegeben …

Nichts bleibt, wie es ist


Im März ist ja mein Buch erschienen „Nicht ohne meine Wärmflasche“. Daraufhin kam eine unheimlich positive und zusprechende Resonanz, für die ich über alles dankbar bin! Ein paar Wochen später hat mich eine Redakteurin von Stern TV eingeladen. Schon saß ich mit den Mädels von der Selbsthilfegruppe Bonn im Fernsehstudio neben Lilly Becker und Dr. Michael Hippach und musste schauen, dass ich vor laufender Kamera einigermaßen geradeaus spreche! Aber was für eine tolle Chance, endlich mal öffentlich über Endometriose reden zu können! Leider konnte man in der Kürze der Zeit nicht auf alles eingehen, was man gerne angesprochen hätte. Man müsste eigentlich auch hier in Deutschland mal so einen Film drehen wie Endo What ...!

Privat erlebe ich gerade einen Wirbelsturm und bin nun auf mich selbst gestellt. Ich habe versucht, durch die Wirren des deutschen sogenannten „Sozialstaates“ einen Weg für mich zu finden. Das scheint von Deutschland irgendwie nicht gewünscht zu sein, dass man alleine als Frau irgendwie zurecht kommt. Anders kann ich mir einige Dinge nicht erklären ... Und dann wurde ich von medizinischer Seite auch noch vor eine Entscheidung gestellt. Und bevor ich dazu komme, möchte ich eine kleine Vorgeschichte erzählen.

Zeit für radikale Veränderungen


Kurz nach Erscheinen meines Buches war die Endometriose Jahrestagung. Dort habe ich das Kapitel über Endometriose und Psyche vorgelesen. Ich möchte es kurz zusammenfassen: Unter Schmerzen litt ich seit dem Alter von 15. Bis auf ein Jahr. Mein Auslandsjahr in Schottland. Nachdem ich das der Chefärztin einer Frauenklinik erzählt hatte, die auf psychosomatische Gynäkologie spezialisiert ist, sagste diese mir, ich solle bei einem Psychologen herausfinden, warum es mir nur weit weg gut gehen konnte. Das habe ich also getan. Ich habe von meinem Trauma erfahren und habe sehr hart daran gearbeitet. Bei den Interviews fürs Buch mit Frauen, die mittlerweile gut mit ihrer Endometrios leben können, ist mir dann aufgefallen, dass ihnen eine Sache gemeinsam ist: Sie alle hatten ihr Leben an einem gewissen Punkt „radikal“ geändert. Ich las diese Stelle aus dem Buch vor un stellte die Frage: „Was hält uns gefangen?“ An der Reaktion des Publikums habe ich gemerkt, da einen Nerv getroffen zu haben. Selten hat mich etwas so berührt. Ich habe in die Gesichter der Betroffenen geschaut. Eine Frau ist mir hinterher sogar weinend um den Hals gefallen. Das hat auch bei mir wiederum einen Prozess in Gang gesetzt ...

Für mich sind zwei Dinge seit der Arbeit an meinem Buch in den Vordergrund gerückt:
- Der Zusammenhang zwischen Psyche und den Endometrioseschmerzen scheint größer zu sein, als ich bisher angenommen hatte (zumindest kann ich das für meinen Fall sagen). Gleichzeitig ist das Ganze nicht einfach bewusst zu steuern und zu kontrollieren. Da muss man schon tiefer graben ...

- Die Veränderungen, die auf dem Selbstheilungsweg vorgenommen werden müssen, scheinen weit über Ernährungsumstellung und Lifestyle hinauszugehen.

Bei Entscheidungen mit Endometriose spielt weniger das Wissen über die Krankheit als das Wissen über sich selbst eine Rolle!


Vor ein paar Wochen bekam ich dann den ärztlichen Rat, die Endometriosezyste am Eierstock wegen des leicht erhöhten Krebsrisikos vielleicht doch entfernen zu lassen – trotz meiner Vor-OPs und der ganzen Verwachsungen, die bedeuten könnten, dass wieder ein Stück Darm fliegt und ich mit einem künstlichen Darmausgang leben muss. Erst dachte ich, sei lieber auf der sicheren Seite und lasse sie entfernen. Doch mit meiner neuen Lebenssituation kamen dann plötzlich ganz andere Gedanken. Mutigere. Risikofreudigere. Gedanken also, die ich bisher nicht so von mir kannte:

Nachher lasse ich mir die Zyste entfernen und habe einen künstlichen Darmausgang oder die Blase wird verletzt oder was sonst nicht alles passieren kann. Und dann bekomme ich nachher doch Krebs, weil Magen- Darm-Krebs nun mal in meiner Familie kursiert ... Meine Entscheidung war auf einmal ganz klar für mich: Lieber lebe ich nicht mehr so lange aber dafür RICHTIG und koste alles aus, als lange auf der sicheren Seite, aber durch eine weitere OP eventuell ausgebremst und verletzt. Und da Deutschland mich anscheinend nicht haben wollte, war auch die weitere Entscheidung schnell gefällt: Ich bin nach Schottland gegangen!

Endo, ich bin dann mal weg!




Ich lebe jetzt in einer kleinen WG in Inverness und werde versuchen, hier in Schottland Fuß zu fassen. Endlich wandere ich aus! Endlich mache ich das, wovon die Endometriose mich so lange abgehalten hatte! Wie lange ich es hier schaffe, ob überhaupt, ob ich vielleicht nicht wieder in drei Wochen in Deutschland bin, die Endo mich niederstreckt oder was auch immer, das kann ich nicht sagen. Das spielt auch keine Rolle. Aber: Ich versuche es wenigstens!

Ich kann nicht von radikalen Veränderungen schreiben und es dann nicht selbst versuchen, oder? Ja, es ist genau das: ein Selbstversuch!

Habe ich Angst? - Nein! Vor der letzten Not-OP hatte ich Angst. Ich habe das Gefühl, die Endo hat mir sogar geholfen, nun angstfrei diesen Schritt zu gehen.

Ist es einfach? - Nein! Auch hier gibt es Hindernisse und Probleme. Die gäbe es in Deutschland aber auch. Von daher ist es lieber hier nicht einfach als dort. Hier habe ich wenigstens direkt die Highlands vor der Haustür ;-)

Was macht meine Endo? - Sie zwickt und zwackt. Aber extreme Schmerzen habe ich nach wie vor nicht.

Was mache ich, wenn hier der nächste Darmverschluss kommt? - Inverness hat zwei Krankenhäuser. Ich habe letztens erst mit einem Schotten gesprochen, der zwei Darm-OPs hinter sich hat. Auch hier werden Leben gerettet.

Gibt es hier einen Endometriose-Spezialisten? - Nein. Auch wenn es jetzt arrogant klingt: Den brauche ich auch nicht mehr. Die können einen die Entscheidungen und die Verantwortung auch nicht abnehmen und einem auch nur immer entweder zu Hormonen oder OP raten. Mittlerweile weiß ich, wie ich meine Entscheidungen bezüglich der Endo zu fällen habe. Hat aber mehr damit zu tun, dass ich mich selbst die letzten Jahre besser kennen gelernt habe, als dass ich mehr über die Krankheit wüsste als andere. Ich weiß nicht mehr über Endo. Weiß aber immer mehr, was für mich persönlich wichtig ist. Ich bin natürlich nicht vor Problemen und schwierigen Entscheidungen sicher. Die werden hier auch noch auf mich zukommen, auch gesundheitlich. Aber wie gesagt, die Verantwortung kann mir eh niemand abnehmen!

Wie geht es mir sonst so, seitdem ich hier bin? - Die Probleme mit Histamin habe ich immer noch. Bin letztens im kalten Wind spazieren gewesen, danach war mein Körper krebsrot und hat gejuckt wie blöd. Aber: Ich war anders als die letzten 10 Jahre (!) noch nicht einmal unterzuckert, und was für mich total erstaunlich ist: Ich habe eine krasse Katzenhaarallergie. Wegen mir mussten wir unsere Katzen damals weggeben. Ich habe schon mehr als einen Asthma-Anfall wegen Katzen hinter mir. Ich wurde letztens noch getestet, und Katzenhaare waren ganz oben auf der Allergieskala. Jetzt lebe ich hier in einer WG mit zwei großen Katern, die abends nichts besseres zu tun haben, als auf meinem Schoß abzuhängen. Die merke ich kaum (auf Holz klopf!).

Was ist mit meiner Hündin Maggy? - Ich hätte sie alleine leider eh nicht behalten können. Auch wenn es mir das Herz gebrochen hat, sie hat in Deutschland jetzt ein neues Rudel gefunden, mit großem Garten und ganz viel Auslauf. Es geht ihr gut und ich kann sie besuchen, wenn es mir möglich ist.

Wie geht es jetzt weiter? - Ich habe keine Ahnung. Weiß man das jemals …? ;-)

Mal schauen, was meine „radikale Veränderung“ bringen wird und wie es hier mit der Endo aussieht. Ich werde berichten :-)

Ganz liebe Grüße!
Martina



4 Kommentare

  1. Liebe Martina,
    ein mutiger Schritt, den ich sehr bewundere! Ich wünsche Dir alles erdenklich Liebe und weitestgehend Gesundheit, so möglich. Da ich selber seit 18 Jahren Endo habe, habe ich eine Ahnung, wovon Du schreibst und redest. Dein tolles Buch habe ich gerade verschlungen und sogar Neues dazugelernt. Mir geht es bei weitem nicht so mies wie Dir, aber wer weiß, noch kommt. Gerade stecke ich fest nach gescheitertem Versuch mit Visanne und danach Gynokadin und Chlormadinon. Heftigste Muskel-und Gelenkschmerzen, Haarausfall, über Nacht 90 Jahre alt geworden...Ich hoffe darauf, dass du deinen Blog weiterführst. Endo muss aus dem Schattendasein heraus! Mehr Menschen müssen wissen, worum es geht. Beste Wünsche für die Zukunft aus Lübeck von Tanja!

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    1. Liebe Tanja! Vielen, lieben Dank für Deine Worte! Es tut mir leid zu hören, dass die Therapien bei Dir - wie bei einigen - leider nicht angeschlagen haben bzw. solche heftige Nebenwirkungen mit sich gebracht haben. Oh, dieses Gefühl, plötzlich so alt zu sein - ich kenne es nur zu gut ... Ja, ich werde den Blog weiterführen! Ich muss natürlich schauen, wie ich hier über die Runden komme und wie viel Zeit ich in den Blog investieren kann, aber es ist ja ein bisschen mein "Baby", um das ich mich weiter kümmern möchte. Ich drücke Dir ganz fest die Daumen, dass sich Dein Körper wieder erholen kann und die Endo bequemer und weniger aktiv wird!!! Ganz liebe Grüße aus Inverness! Martina

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  2. Liebe Martina, ich hoffe sehr, dass das nicht anmaßend klingt, but: I am so very ,very proud of you. Und auch etwas neidisch, dass Du jetzt in Schottland bist.Hatte Dir ja mal geschrieben, dass meine Mutter Schottin ist und auch mir geht es in Schottland (warum auch immer)besser. Freue mich für Dich, dass Du das einfach gemacht hast, dass Du diese Tür aufgemacht hast und durchmarschiert bist. Ich wünsche Dir von Herzen, dass es Dir gut geht, dass der schottische Wind Dich auch streichelt und nicht nur attackiert:-) und dass Du schöne Erlebnisse und ein gutes Leben in Schottland findest. Even though I do not know you personally: lots of love from faraway Berlin, Anja

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    1. Liebe Anja! Oh, was für eine liebe Nachricht! Vielen Dank! Ja, wenn Deine Mutter Schottin ist, hast Du bestimmt gute Verbindungen hier. Komm doch auch rüber und wir gründen eine Endometriose-Selbsthilfegruppe ;-) Wenn Du mal hier bist, sollten wir uns auf jeden Fall mal treffen!!! Gib einfach bescheid :-) Lots of love and hugs!!! Martina

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