Müssen wir wirklich die Menstruation unterdrücken?


Als die wilde Fahrt mit der Endometriose bei mir begann, entstand durch die dürftigen und recht einseitigen Anmerkungen der Ärzte folgendes Bild in meinem Kopf: Bei der Endometriose gerät Gebärmutterschleimhaut bei jeder Menstruation in den Bauchraum, wächst da an, bildet eine Art "Minigebärmütter", die mit jedem Zyklus sich aufbauen und wieder abbluten. Ich darf also nicht mehr bluten. So weit, so fragwürdig. Aber das wusste ich ja damals noch nicht.


Ich habe ja eine ganz andere Erkrankung!!!


An einem der sehr verzweifelten Schmerztage machte ich mich auf die Suche nach Informationen und stieß auf die Seite von Prof. DDr. Huber.  Und plötzlich begriff ich, dass ich es mit einer ganz anderen Art von Krankheit zu tun habe, als ich es immer geglaubt hatte:

Die Endometriose blutet gar nicht selbst? Sie lässt vielmehr Entzündungsstoffe frei, die im Umgebungsgewebe für Blutungen sorgt? 

Es gibt Frauen, die ohne Gebärmutter zur Welt kamen und die trotzdem Endo haben? Es braucht kein Menstruationsblut dafür? 

Ich ging mit diesen Erkenntnissen zu Chefärztin der örtlichen Frauenklinik und fragte sie, ob diese neuen Erkenntnisse denn nun stimmten. Sie bejahte meine Frage.

Ist die vereinfachte Darstellung am Ende gewollt?


Lange fragte ich mich, warum man an der alten Vorstellung so festhalte, bzw. warum man Frauen immer noch erzählte, es handle sich um "versprengte Gebärmutterschleimhaut". Gut, ich gebe es zu, manchmal neige ich zum Drama und entwickle gerne mal Verschwörungstheorien. Dieses Mal auch, und ich dachte mir, vielleicht ist das ja von der Pharmaindustrie so gewollt, damit es plausibel klingt, dagegen Hormone zu schlucken. Aber nein, komm, übertreib mal nicht, versuchte ich mich zu beruhigen.

Dann stieß ich auf einen Artikel, verfasst von einer Wissenschaftlerin der Genetik und Mikrobiologie und Direktorin des Endometriose Netzwerks Canada, Philippa Bridge-Cook. In diesem Artikel auf der Seite Hormones Matter zeigte sich, dass ich mit meiner fast abgetanen Befürchtung nicht alleine bin. Lest selbst:

Vieles spricht gegen die retrograde Menstruation im ursächlichen Geschehen


Der Artikel trägt den Titel: "Why is Endometriosis in Fetuses Important?" Nicht ganz akkurate Theorien über die Entstehung der Endometrios würden von Seiten der Ärzten zum Großteil akzeptiert, OBWOHL viel gegen diese Theorien spreche. Das Akzeptieren dieser Theorien führe dazu, dass Medikamente (sprich Hormone) weiter verordnet würden, die nicht wirklich funktionierten.

Cook betont die Unterschiede zwischen Gebärmutterschleimhaut und Endometriose, die in der Forschung auch schon lange bekannt seien. Dann wendet sie sich der Sampson`s Theorie zu, der unter den Ärzten weit verbreiteten Annahme, Endometriose entstehe durch zurückfließendes Menstruationsblut und die Gebärmutterschleimhautzellen, die außerhalb der Gebärmutter dann festwüchsen.

Dieselbe Inzidenz bei Föten und Frauen


Da gebe es nur ein paar Probleme, meint Cook: Es gäbe wohl keinen Beleg dafür, dass Gebärmutterschleimhautzellen in der Peritonealflüssigkeit am Bauchfell "andocken" könnten. Dazu gibt es sogar eine Studie, die sich die Sampson`s Theorie vorknöpft.
Zudem hätten 90 Prozent der Frauen eine retrograde Menstruation, aber nur 10 Prozent eine Endometriose. Und: Die Theorie erkläre nicht das Vorkommen von Endometriose Föten, Männern und Mädchen, die auch schon vor der Periode Endo-Symptome zeigten.

Andere Theorien erklärten da schon besser all diesen Phänomenen, wenn auch noch keine von ihnen bestätigt sei, wie z.B. die Theorie, dass sich Zellen an Ort und Stelle zu Endometriosezellen (Metaplasie) umwandeln. Neueste Erkenntnisse stützten die These, dass bei der Embryonalentwicklung einzelne Zellen, die später Gebärmutterschleimhaut werden sollten, sich an die falschen Stellen verirrten. Denn Endometriose wurde in Föten mit der gleichen Inzidenz gefunden wie bei erwachsenen Frauen, nämlich 10 Prozent.

Besser eine falsche als gar keine Theorie?


Nun stellt sich Cook dieselbe Frage, die ich mir auch stellte: Warum hält man so sehr an der Sampson`s Theorie fest? Sie attestiert vielen Ärzten erst mal eine Art Bequemlichkeit: Es bestünde nicht viel Interesse an der Erkrankung, vor allem, wenn man sich nicht auf sie spezialisiere. Andere Theorien seien auch nicht zu genüge bewiesen, warum dann also umschwenken ...?

Cook findet es geradezu schädlich für uns Endometriose-Patientinnen, denn vor allem die nicht spezialisierten Gynäkologen hätten somit eine Art Ausrede, die Endometriose nicht komplett entfernen zu müssen, mit der nächsten Blutung würde ja eh wieder was re-implantiert werden.

Dass dem nicht unbedingt so ist, bewiesen Endometriose-Spezialisten, die gründlich alles entfernten. Gründlich durchgeführte Endometriose-OPs zeigten nachweislich eine niedrigere Rezidivrate.

Wir brauchen adäquate Therapien!


Die Akzeptanz der Sampson`s Theorie gebe der Pharmaindustrie ein wunderbares Hilfsmittel an die Hand, Ärzte davon zu überzeugen, doch bitte schön Mittel zu verordnen, die die Menstruation unterdrückten. Manche Betroffene, vor allem, wenn sie Symptome hauptsächlich währen der Periode hätten, erführen dadurch ein wenig Erleichterung. Doch wie wir alle wissen: die Endometriose wird dadurch nicht therapiert. Nach Cook könnte man bei den Hormonen sogar von" inadäquater Behandlung der Endometriose" sprechen.

Um "adäquate Therapien" zu finden, brauche es erst einmal ein Umdenken und ein anderes Verständnis der Erkrankung: Wenn diese schon im Fötus vorliege, könne es keine Erkrankung hervorgerufen durch die retrograde Menstruation sein!

Klingt irgendwie plausibel.
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