Endometriose bei Teenagern


Um die Endometriose ranken sich viele Mythen. Ein Mythos ist z.B., dass nur erwachsene Frauen an Endometriose erkranken.

Hmmm. Meine Symptome begannen mit 15. Heftigst! Etwa 60 Prozent der erwachsenen Endometriosepatientinnen gaben in einer Studie an, dass die Symptome schon vor dem 20. Lebensjahr auftraten (3). Die moderne Endometrioseforschung bestätigt den Mythos ebenfalls nicht.

Hilfe, meine Tochter hat Endometriose!

Endometriose betrifft zu einem erheblichen Anteil schon Mädchen im Teenageralter. Es wurde sogar bestätigt, dass Endometriose der häufigste Grund für chronische Unterbauchschmerzen bei jugendlichen Mädchen ist (4).

In Studien stellte sich Folgendes heraus: Durch Bauchspiegelung bestätigte Endometriose zeigte sich

  • bei Mädchen mit chronischen Unterbauchschmerzen, die auf medikamentöse Behandlungen nicht ansprachen, in 75 Prozent der Fälle (1). Eine Studie spricht sogar von 95 Prozent (4).
  • bei Mädchen mit heftigen Menstruationsschmerzen in 70 Prozent der Fälle (1).
  • bei Mädchen mit chronischen Unterbauchschmerzen (chronisch bedeutet auch schon regelmäßig dreimal im Monat), auch wenn diese sich durch Medikamente lindern ließen, in fast 50 Prozent der Fälle (1). 

Es zeigte sich auch, dass man bei jugendlichen Betroffenen nicht nur die Anfangsstadien einer Endometriose finden kann, sondern durchaus schon ausgedehnte Befunde und Endometriose in tieferen Gewebeschichten. Mittlerweile geht man davon aus, dass die tiefinfiltrierende Endometriose ihre Wurzeln bereits im Teenageralter schlägt.

Schmerzen schon vor der ersten Regelblutung

Man hat erst in den letzten Jahren die Rolle der Endometriose bei Teenagern begriffen. Durch immer bessere Diagnoseverfahren wird sie bei den jungen Mädchen immer häufiger entdeckt. Zu diesen verbesserten Diagnoseverfahren gehört z.B. die Beachtung auch atypischer Endometrioseläsionen, wie etwa klare oder kleine rote Bläschen, bei Bauchspiegelung.

Manche Gynäkologen scheuen bei jungen Mädchen, eine Bauchspiegelung anzuordnen. Sie verschreiben lieber erst mal eine Pille. Dabei muss man wissen, dass diese die Endometriose nicht aufhält (4), sondern in manchen Fällen nur zu einer Schmerzlinderung führt. Das Problem wird somit eher nur aufgeschoben als aufgehoben. Es gibt Endometriose-Spezialisten, die daher die Meinung vertreten, man könne durchaus schon eine Bauchspiegelung – heutzutage ein Routineeingriff – auch bei einem jungen Mädchen durchführen. Die Folgen des Eingriffs seien unter Umständen weniger schlimm als die Folgen einer weiter fortschreitenden Endometriose. In 70 Prozent der Fälle sprechen jugendliche Mädchen mit chronischen Unterbauchschmerzen wohl eh nicht auf eine Behandlung mit Pille und/oder Schmerztabletten an (3).


Sie kommt immer wieder


In einer Studie fiel auf, dass größere Endometriosebefunde bei jugendlichen Mädchen oft einhergingen mit extensiven Befällen von Eierstöcken, Eileitern und der Bildung von Endometriomen, also blutgefüllten Endometriosezysten (Schokozysten) am Eierstock (3).

Es heißt auch immer, man könne erst eine Endometriose entwickeln, nachdem die erste Menstruation eingesetzt hat. Erste Symptome können in manchen Fällen, wenn auch eher selten, schon vor Einsetzen der ersten Regelblutung eintreten (3). Die jüngste Endometriosepatientin, die in der Literatur dokumentiert ist, war 7 Jahre alt (4).

Man fragt sich, wie junge Mädchen ohne Menstruationsblutung eine Endometriose entwickeln können, ist doch eine anerkannte Theorie für die Ursache, dass Zellen der Gebärmutterschleimhaut durch einen Rückfluss des Menstruationsblutes über die Eileiter in den Bauchraum gelangen. Eine weitere Theorie geht davon aus, dass die Gebärmutter bei Endometriosepatientinnen die Gebärmutterschleimhautzellen viel heftiger „hinausschleudert“, so dass Zellen der tiefliegenden Gebärmutterschleimhautschicht dabei sind und Endometriose bilden. Doch es sind bisher nur Theorien und Spekulationen. Den genauen Grund kennt man immer noch nicht.

Entsteht Endometriose direkt nach der Geburt?

Eine Theorie, die das Vorkommen von Endometriose bei jungen Mädchen, die noch nicht viele Zyklen durchliefen, erklärt, wurde erst 2013 von Brosens und Beganiano aufgestellt: Bei 5 Prozent der neugeborenen Mädchen kommt es nach der Geburt zu Blutungen aus den winzigen Gebärmüttern. Dabei gelangten endometriale Stammzellen dorthin, wo sie nicht hingehörten.
Sobald die Eierstöcke mit der Pubertät ihre Aktivität aufnähmen, stimulierten sie den sogenannten Vascular Endothelial Growth Factor und somit die Blutgefäßneubildung in den Endometriosezellen. So entstünden punktförmige Läsionen und Verwachsungsformationen, die bei der Bauchspiegelung nicht gut erkennbar wären, aber den Grundstein der Endometriose bildeten (3). Manche Forscher schlagen daher vor, nicht erst nach Eintritt der Regel, sondern schon bei einsetzender Pubertät mit Ausbildung des Brustgewebes eine Endometriose als Möglichkeit bei der Diagnostik bei entsprechender Symptomatik mit einzubeziehen.

Tandoi et al. (2011) haben versucht, Aussagen über die Wahrscheinlichkeit des Wiederauftretens der Endometriose bei erstem Auftreten im Teenageralter zu treffen. Sie fanden dabei eine lineare Progression der Rezidivrate ausgehend vom ersten chirurgischen Eingriff. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass eine Endometriose, die schon in frühem Alter auftritt, von der Zeit des ersten Eingriffes an in regelmäßigen Zeitabständen wohl immer wieder auftritt. Dies zeigte sich unabhängig vom Wiederauftreten der Symptome, unabhängig vom Grad der Endometriose, unabhängig von der Art der Operation und unabhängig von der medikamentösen Behandlung nach dem Eingriff (3).

Wieso ist eine frühe Diagnose der Endometriose wichtig?

Es ist noch weitere Forschung nötig, um herauszufinden, ob die Endometriose durch eine frühe Diagnose und somit frühere gezielte Behandlungen langfristig besser in den Griff zu kriegen ist, oder ob es schlichtweg nur bedeutet, dass man über die gesamte Lebenspanne nur mehr Eingriffe und Medikation über sich ergehen lassen muss, ohne die Erkrankung wirklich zu zügeln. Das weiß man einfach noch nicht. (Ich wünschte, ich könnte an dieser Stell etwas anderes schreiben!)

Argumentiert wird aber, dass man salopp ausgedrückt durch eine frühe Diagnose die Endometriose früh genug immer wieder „zurückstutzen“ könne, um mögliche Beschädigungen z.B. der Eierstöcke und /oder Eileiter zu verhindern, zumindest bis zu dem Zeipunkt, an dem man sich den Kinderwunsch erfüllen möchte, und dieser sollte in solchen Fällen daher möglichst früh sein.

Eine frühe Diagnose heißt aber auch, dass man weiß, an welchen Spezialisten man sich wenden muss. Anstatt sich z.B. immer wieder beim Urologen auf Blasenentzündung untersuchen zu lassen und nichts zu finden, kann man sich somit direkt an ein Endometriosezentrum wenden. Hier ist man auch auf schonendere, minimalinvasive Methoden spezialisiert und Endometrioseoperationen verlaufen durch erfahrene Operateure im Idealfall sehr gründlich. Gerade bei jungen Mädchen, bei denen Endometrioseherde sich etwas anders darstellen können als bei erwachsenen Frauen, braucht es ein geschultes Auge.

Eine frühe Diagnose ist auch daher wichtig, damit ein junges Mädchen mit schweren Endometriosesymptomen nicht als „verrückt“ abgestempelt wird und in einen Sog aus Isolation und Selbstzweifel gerät. Während eine erwachsene Frau, bei der sich Endometriose entwickelt und erst mal nur währen der Regelblutung zeigt, einen Unterschied zu vorherigen Zyklen spürt, weiß ein junges Mädchen bei den ersten Menstruationszyklen noch nicht, dass es außergewöhnlich schlimme Schmerzen erfährt. Die Umwelt schmunzelt da oft und gibt zu verstehen, dass Schmerzen bei der Menstruation ja völlig normal seien. So erlebt es sich selbst oft als schwach und unzulänglich, wenn die anderen angeblich mit diesen Schmerzen so viel besser fertig werden.

Mit einer frühen Diagnose erhält man vielleicht auch die Chance, psychisch früh genug aufzuarbeiten, dass man es mit einer chronischen Erkrankung bzw. mit einer Veranlagung zu tun hat, auf die man sich einstellen muss. Man kann sich dann auch schon früh mit ganzheitlichen Methoden befassen und in sein Leben integrieren, wie beispielsweise eine bestimmte Ernährung, Entspannungsverfahren oder auch alternative Heilmethoden. Insgesamt geht man vielleicht bewusster mit seinem Körper um und hört auf seine Signale.

Symptome der Endometriose bei Teenagern

Endometriose hat eine genetische Komponente. Gibt es einen oder mehr Endometriosefälle in der Familie, ist gerade bei betroffenen Verwandten ersten Grades (Mutter, Schwester) das Risiko, selbst eine Endometriose zu entwickeln, 5 mal höher.

Die Symptome bei Teenagern mit Endometriose sind laut Dr. Nezhat denen von erwachsenen Frauen ähnlich. Sie können einzeln oder gemeinsam, zyklisch oder unabhängig von der Periode bis hin zu kontinuierlich auftreten:

Unterbauchschmerzen zeitnah zu oder während der Menstruation
Unterbauchschmerzen unabhängig von der Menstruation
starke Menstruationsblutungen
unregelmäßige Menstruationsblutungen
Schmerzen beim Eisprung
frühe erste Regelblutung
Darmkrämpfe
Schmerzen wie bei Blasenentzündung
chronisches Auftreten von Übelkeit, Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung
Rückenschmerzen
Schmerzen bei gynäkologischer Untersuchung
Schmerzen beim Sitzen
Schmerzen in den Beinen
Schmerzen wie bei Blinddarmentzündung
Schmerzen wie bei Darmentzündung
Symptome wie bei Zölliakie

Ein weiterer Mythos ist übrigens, dass Teenager keine Adenomyose haben könnten. Laut Dr. Nezhat können aber auch schon junge Mädchen diese Form der Endometrios ein der Gebärmuttermuskulatur haben.

Wie man sieht, muss man Symptome wie heftige Regelschmerzen bei jungen Mädchen ernst nehmen. Es gibt noch andere mögliche Ursachen außer Endometriose. In jedem Fall sollte man es abklären lassen und Endometriose mit in Betracht ziehen. Daher würde sich der Besuch eines Endometriosezentrums empfehlen.

Dieser Artikel ersetzt nicht den Rat durch einen Arzt.



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Quellen:

(1) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26315257
(2) http://centerforendo.com/endometriosis-in-teenagers/
(3) https://academic.oup.com/humrep/article/28/8/2026/661259/Endometriosis-in-adolescents-is-a-hidden
(4) http://nezhat.org/endometriosis-of-young-girls-and-teenagers/
Bilder: pixabay.com/CC0 1.0

4 Kommentare

  1. Das "ernst nehmen" wurde bei mir völlig ignoriert. Beim ersten Besuch beim Frauenarzt wurde mir gesagt ich würde zu wenig Gelbkörperhormone produzieren, ohne untersucht zu werden. Ein paar Monate später saß ich schreiend vor Schmerzen in der Praxis und wurde angemault, ich würde die Tabletten(Gelbkörperhormon) nicht richtig nehmen und wäre selber Schuld an meinen Schmerzen. Damals war ich erst 13 Jahre alt.... meine Endo wurde erst in einer Kinderwunschpraxis entdeckt.... mit 31 Jahren.
    Vielen Dank für deinen Blog. Die Tage werde ich auch dein Buch lesen und sicherlich neue Erkenntnisse erlangen :)
    Liebe Grüße
    Sina

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    1. Liebe Sina, ich befasse mich nun sehr lange mit Endometriose und mit den Geschichten anderer Betroffener. Aber ich muss sagen, ich bin immer wieder aufs Neue bestürzt und kann es nicht fassen! So langsam glaube ich wirklich an einen "Medizin-Chauvinismus", den die Endometriose aus irgendwelchen Gründen unwahrscheinlich zu triggern scheint. Das ist ja alles nicht mehr normal, und sie sollten sich mal überlegen, warum sie Medizin studiert haben: Um Mami und Papi zu gefallen und hoch angesehen zu sein, oder um Menschen zu helfen ...!!! Sorry, ich rege mich gerade mal wieder sehr darüber auf! Es tut mir leid, was du erleben musstest und dass du all die Jahre im Ungewissen und mit den Schmerzen leben musstest! Ich hoffe, du wirst einen Weg finden, das alles zu verarbeiten und in Zukunft möglichst schmerzfrei sein zu können! Alles Liebe! Martina

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  2. Ah, die "klassische" Laufbahn der Endometriose. Ich war auch mit 16 bei meiner Frauenärztin und habe über Schmerzen geklagt, bekam Magnesium, später die Pille und natürlich meinen Liebslingsratschlag mit auf den Weg: "Haben sie mal weniger Streß." Ach so, ja klar.

    Ich bin dann über Jahre hinweg immer und immer wieder vorstellig geworden, wegen Schmerzen, wegen Blasentzündungen … kein Behandlungsbedarf. Auch, als wegen massiver Schmerzen der Notarzt in den Schulsport gerufen wurde, hieß es nur, das Mädel sei halt umgekippt, hat halt seine Tage. Passiert.

    Mit Ende zwanzig bin ich sogar mit der vorsichtigen Frage zu meiner Ärztin gekommen, ob es vielleicht sowas wie Endomeriose sein könne, nachdem ich im Internet darüber gelesen hatte und praktisch das Gefühl hatte, da beschreibt jemand meinen Bauchraum! Meine Ärztin meinte daraufhin nur, ja, das könne es sein, aber WOLLEN SIE ETWA, DASS ICH SIE HORMONELL IN DIE WECHSELJAHRE VERSETZE?! Himmelswillen, das wollte ich natürlich nicht, äh .. sorry, dass ich das angesprochen habe?

    Die Beschwerden wurden dann in den nächsten fünf Jahren so viel schlimmer, dass es mich regelmäßig von den Füßen holte und nachdem mich meine Chefin wahlweise schreiend vor Schmerz aufheben mußte, oder mir schnell einen Spuckeimer bringen mußte, weil der Körper im Notfallmodus war, habe ich endlich von einem Endometriose-Zentrum in Frankfurt erfahren. Mit 35 Jahren bin ich dann operiert worden und es hat ein halbes Jahr lang "gehalten". Nunja, soviel zum Thema Diagnose und Ärzte …

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    1. Hi! Danke fürs Lesen und Kommentieren :-) Herrje, ich bin mal wieder erschüttert, wenn ich das so lese. Ähnelt auch sehr meiner eigenen Geschichte. Magnesium, Pille ... alles auch aufgeschwätzt bekommen. Respekt, dass du da sogar selbst schon mit der Diagnose aufgefahren bist! Die Reaktion darauf war ja wohl unterirdisch!!! Ich hoffe für Dich, dass Du einen guten Weg finden wirst, all das zu verarbeiten. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass nicht nur die Symptome und die OPs einem zusetzen, sondern auch, dass das eigene Erleben und Einschätzen immer wieder in Frage gestellt wurde und man so auch viel mit Selbstzweifeln zu kämpfen hatte. Jetzt gilt es erst mal, das Selbstvertrauen wieder zu erlangen! Ich wünsche Dir alles, alles Liebe!!! Martina

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