Als hätten wir es geahnt!


„Stellen Sie sich nicht so an!“ – „Die Schmerzen sind doch normal!“ – „Da muss man durch!“ – „Bringen Sie erst mal ein Kind zur Welt ...!“

Auch schon mal gehört?


Wenn Ihr das nächste Mal zum Arzt geht und mit Euren Schmerzen ernst genommen werden wollt, frisiert Euch nicht, macht ein schmerzverzerrtes Gesicht, legt einen kleinen Sprint ein, um den Blutdruck hochzutreiben, sagt, dass Ihr das Geld für den Haushalt verdient und schreit den Arzt ruhig mal schön an. Wieso? Lest selbst!

Sexismus in der Notaufnahme 

In einem Artikel auf der Website theatlantic.com schreibt der New Yorker Schriftsteller Joe Fassler von „Sexismus in der Notaufnahme“ und berichtet über eine Situation, in der er seine Frau mit extremen Unterbauchschmerzen ins Krankenhaus gebracht hatte. Die Überschrift des Artikels lautet übersetzt: „Wie Ärzte Schmerz bei Frauen weniger ernst nehmen“.

Was war passiert: Bei seiner Frau hatte eine Eierstockzyste den Eierstock nach unten gebogen und den Eileiter verdreht. Es ist ein Zustand, bei dem empfohlen wird, innerhalb von acht Stunden zu operieren, da es sogar tödlich sein kann, wenn der Eierstock dadurch abstirbt und es eventuell zu einer Blutvergiftung kommt. Fassler schreibt, dass seine Frau eher nicht wehleidig sei und dass er sie in solch einem Zustand noch nie erlebt hätte. Ihm war die Ernsthaftigkeit der Lage bewusst. In der Notaufnahme beobachtete er aber, wie Krankenschwestern ihren Kopf tätschelten mit Worten wie: „Ist nur ein bisschen Schmerz, Süße.“ Und man ließ sie warten. Als der Arzt kam, realisierten sie noch nicht mal, dass es der für sie zuständige Arzt war, denn er blieb nur kurz stehen, stellte einige wenige Fragen und tastete die Patientin auch nicht ab. Schnell war er sich sicher: Nierensteine, und verordnete Schmerztabletten und ein CT.

Vier Stunden vergingen. Der Arzt wurde mittlerweile von einer Kollegin abgelöst. Sie schaute sich die CT-Bilder an und sagte: „Oh mein Gott! Und er hat sie nicht untersucht?!“ Später erfuhren sie, dass man bei einer Untersuchung den geschwollenen Eierstock hätte ertasten können. Das Thema hat den Autor nicht losgelassen. Er ging dem nach und stieß auf einige Studien.

Das Yentl-Syndrom


Wenn es um die Wahrnehmung von Patienten mit Schmerzen geht, wird ein riesiger Unterschied zwischen Männern und Frauen gemacht. Man nennt es auch das „Yentl Syndrom“. Gleich mehrere Studien belegen:

Schmerzen werden bei Frauen nicht so ernst genommen wie bei Männern! Zudem wird in Schmerzbehandlung bei Frauen oft weniger adäquat vorgegangen als bei Männern. Eine Studie von Diane E. Hoffmann und Anita J. Tarzian von der University of Maryland School of Law beleuchtet das Phänomen. Sie trägt den Titel: „Die Frau, die vor Schmerzen schreit. Vorurteile gegenüber Frauen in der Behandlung von Schmerzen.“ Sie steht kostenlos zum Download zu Verfügung. Leider gibt es sie nur auf Englisch. Einige markante Passagen habe ich mal übersetzt:

Obwohl Frauen mehr unter Schmerzerkrankungen litten, häufiger ernste Schmerzen berichteten, häufiger Schmerzattacken hätten und oft auch länger anhaltende Schmerzen als Männer ertragen müssten, wäre die Wahrscheinlichkeit bei Frauen größer, dass sie eher „unterbehandelt“ und fehldiagnostiziert würden als bei Männern.

Eine Studie mit Patienten nach einer Bauchoperation zeigte, dass Ärzte weiblichen Patienten über 55 Jahren weniger Schmerzmedikamente verordneten als männlichen Patienten derselben Altersgruppe. Krankenschwestern gaben Frauen zwischen 25 und 54 weniger Schmerzmedikamente als den männlichen Studienteilnehmern.

Eine andere Studie zeigte, dass auch nach Bypass-OPs die Männer mehr Schmerzmedikamente erhielten als die Frauen. Diese hätten dafür mehr Beruhigungsmittel bekommen, da sie häufiger als „ängstlich“ als „unter Schmerzen“ wahrgenommen würden.

Eine Studie mit Kindern nach chirurgischem Eingriff ergab, dass den Jungs sehr viel häufiger ein Mittel aus der Gruppe der Opiate gegeben wurde und den Mädchen eher Paracetamol.

In einer Studie mit Patienten mit metastasierendem Krebs zeigte sich, dass der Anteil an Frauen unter den Patienten, die inadäquat gegen Schmerzen behandelt wurden, sehr viel größer war als der Anteil der Männer.

In einer Studie mit Patienten nach Blinddarmoperation wurde männlichen Patienten unmittelbar nach der OP viel mehr Schmerzmedikamente gegeben als Frauen.

In einer Studie stellte man fest, dass Frauen mit Schmerzen in der Brust seltener ins Krankenhaus überwiesen werden als Männer.

Unter Patienten mit chronischen Schmerzen werden Männer eher von Allgemeinmedizinern in eine Schmerzklinik überwiesen, wohingegen Frauen eher erst einen Spezialisten aufsuchen müssen, bevor sie in eine Schmerzklinik überwiesen werden.

Frauen würde im Allgemeinen von Seiten der Mediziner nicht geglaubt werden, wenn es um die Beschreibung ihrer Symptomatik ginge. Man fand auch heraus, dass Frauen bei Schmerzen eher Beruhigungsmittel, Antidepressiva und nicht-opioide Schmerzmittel erhielten, während Männer eher Opioide verschrieben bekämen. Bei Frauen würden Schmerzen auch eher mit emotionalen Faktoren verbunden, selbst dann noch, wenn klinische Tests positiv wären!

Hysterisch und aufgestylt?


Man fragt sich natürlich, woher diese unterschiedliche Wahrnehmung von Frauen und Männern kommt. Es gibt viele Versuche, dies zu erklären:

Männer geben es lange nicht zu, wenn sie unter Schmerzen leiden und suchen meist erst sehr viel später einen Arzt auf. Daher kommt die Ansicht: Also wenn er schon mal zum Arzt geht, dann muss es auch wirklich ernst sein! Es gibt allerdings keine Belege dafür, dass es dann auch tatsächlich ernster ist als bei Frauen, die einfach früher mit ihren Problemen zum Arzt gehen. Ganz im Gegenteil belegen Studien, dass Frauen häufiger unter ersthaften Schmerzerkrankungen litten als Männer.

Man geht davon aus, dass die ungleiche Behandlung tatsächlich durch die Vorurteile auf Seiten der Mediziner und des medizinischen Personals komme.

Nach einer Befragung von Krankenschwestern und Krankenpflegern glaubten nur 10 Prozent, dass Frauen bei derselben Schmerzstimulation mehr Schmerzen spürten als Männer. Über 60 Prozent gingen davon aus, dass Männer schmerzempfindlicher seien, wofür es wissenschaftlich keine Belege gibt.

In einer Studie fand man heraus, dass man wirklich häufig annehme, Frauen seien von Natur aus mit einer größeren Schmerztoleranz ausgestattet, da sie Kinder zur Welt bringen müssten. Es bestehe dadurch ein regelrechtes Wertesystem, was von Frauen erwarte, bei starkem Schmerz die Zähne zusammen zu beißen. Auch Frauen selbst würden das teilweise von sich erwarten. Viele würden sich dafür regelrecht schämen, wenn sie während der Geburt doch nach dem Schmerzkatheter schreien würden.

Eine weitere Erklärung, warum man Männer mit Schmerzen ernster nehme sei immer noch die Wahrnehmung des Mannes als „Brotverdiener“. In ihrer Wahrnehmung gaben Krankenschwestern und –pfleger an, dass Männer unter Schmerzen nicht mehr „funktionierten“, wohingegen Frauen unter Schmerzen Haushalt und Arbeit fortsetzten.

Eine andere Studie zeigt, dass sich die Medizin zu sehr auf messbare Werte verlässt, anstatt den subjektiven Aussagen der Patienten zu vertrauen. Bei ernsthaften Schmerzen erwarte man eine Erhöhung der Vitalzeichen oder einen sichtbaren Ausdruck von Schmerzen.

Die feministische Literatur sucht die Gründe in unserer soziologischen Geschichte, in der Frauen historisch begründet immer wieder als unreflektiert, emotional und unreif dargestellt würden.

In der medizinischen Literatur würden Frauen häufig als hysterisch und emotional dargestellt, während Männer, die dasselbe Veralten zeigten, als energisch und aggressiv beschrieben würden.

Eine Studie belegt, dass Frauen mit chronischen Schmerzen häufiger die Diagnose einer narzisstisch-histrionischen Persönlichkeitsstörung – einer Störung, bei der man extrem Aufmerksamkeit auf sich ziehen will – erhielten als Männer mit chronischen Schmerzen.

Man befragte Frauen mit Unterbauchschmerzen nach ihren Arztbesuchen. Der Großteil der Frauen gab an, das Gefühl zu haben, vom Arzt nicht richtig verstanden worden zu sein. Es wurden insgesamt 73 verschiedene Erklärungen als Grund für ihre Schmerzen berichtet mit dem Zusatz, dass alles in Ordnung sei, wenn man keinen körperlichen Grund für den Schmerz gefunden hätte.

Und noch zwei Aspekte kommen hinzu: Die Autorinnen schreiben, Frauen würden zum großen Teil selbst unter Schmerzen schick und attraktiv wirken wollen. So zögen sie sich häufig zum Arztbesuch gut an. Zudem würden sie sich in der Kommunikation eher zurücknehmen und wollten eher freundlich wirken. Dies würde insgesamt oft so wahrgenommen, dass es einem nicht so schlecht gehen könne.

So. Ab heute ist also Schluss mit „Nett“!



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Bilder: pixabay.com/CC0 1.0

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