Von Mäusen und Menschen


Ich will mich ja eigentlich nicht beschweren – wenn schon mal zum Thema Endometriose geforscht wird ...

Aber es ist schon gemein, wenn man als Endometriose-Patientin mit einer Überschrift gelockt wird, die da heißt:

Studie eröffnet den Weg zum Verständnis der Endometriose!!!

Da lässt man schon mal die Dinkel-Hirse-Stange vor Aufregung in den Detox-Tee fallen! Und dann liest man gespannt und die Augen suchen nach den befreienden Worten, und man will schon ausrufen: „Verharre, Eierstock! Halte durch, Darm! Bleib ruhig, Ischias! Bald sind wir sie los!!!“

Und dann eröffnet sich einem Folgendes (grobschlächtig von mir aus dem Englischen übersetzt, zusammengefasst und kommentiert):

Wissenschaftler seien dem Geheimnis der Endometriose dank der Forschung an der Yale School of Medicine näher gekommen. (Trommelwirbel)

Einleitung: Bei Endometriose wachse Schleimhaut, die sonst die Gebärmutter auskleide, in anderen Bereichen des weiblichen Körpers. (Möp – falsch!)

Man könnte sagen, nur ein Detail. Aber ich weiß nicht, wie oft ich noch betonen soll, dass es eben KEINE Gebärmutterschleimhaut ist. Und hey, das kommt ja nicht von mir. Wer bin ich, so was einfach zu behaupten! Aber man liest es in diversen Fachbüchern von Endometriose-Spezialisten: Das Gewebe sei dem der Gebärmutterschleimhaut höchstens ähnlich. Manche Endo-Geschwüre erinnerten sogar nur noch entfernt an Gebärmutterschleimhaut. Und vor allem verhält es sich anders. Stellt mal vor Leute. Wir könnten unsere Gebärmütter ja spätestens nach Eintritt der Pubertät einäschern ...


Von Mäusen und Menschen


Und dann geht es weiter mit der zweifelhaften Forschung: Bei Versuchen mit Mäusen ...

So, an der Stelle kann man schon abbrechen. Mittlerweile ist eigentlich bekannt, dass Tierversuche nur sehr eingeschränkt aussagekräftig sind und nicht wirklich sicher auf den Menschen übertragbar, da doch von einer anderen Physiologie auszugehen ist. Da gibt es schon bessere Methoden mit Mini-Organchips mit menschlichen Zellkulturen. (Mäuse sind wahrscheinlich billiger ...) Das würde jetzt ausufern, aber wer sich für das Thema interessiert, hier ein Link zu einem Aufklärungs-Video der Initiative Ärzte gegen Tierversuche: http://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/bilder/videos/1312-unsinn-tierversuch

Jedenfalls hat man Gebärmutterschleimhaut-Zellen (Fehler Nr. 1) Mäusen eingepflanzt (Fehler Nr. 2).

Nun fand man heraus, dass diese eingepflanzten Schleimhautzellen die Gen-Expression der Mäuse beeinflusste, und zwar je näher an der Gebärmutter dran, um so stärker. Es betraf die Gen-Expression zur Regulierung der Entwicklung der Gebärmutterschleimhaut innerhalb des Zyklus und die Vorbereitung der Bedingungen zum Einnisten eines Embryos.

Und jetzt kommt die „große Erkenntnis“, die als wegweisend angepriesen wird:

Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Endometriose eine systemische Erkrankung sein könne und weitreichende Effekte auf den ganzen Körper haben könnte und nicht nur auf den Bereich, in dem sie wächst!

Nein!!! Wirklich?!?! ...

Liebe Endometriose-Schwestern!
Wir – jedenfalls die meisten von uns – sind keine Mediziner. Aber ich verwette meinen Endometriose geplagten Arsch darauf, dass JEDE von uns DAS hätte sagen können – auch ohne Medizin-Abschluss und ohne unschuldige Tiere zu quälen. Wer von uns hat denn schon einfach „NUR“ Endometriose – ohne Allergien, Hashimoto, Lupus, Neurodermitis, PCOS, ohne Verdauungsprobleme, Erschöpfung, Depressionen, Vitamin D-Mangel, Insulinresistenz etc.?

Da steht noch, dass es traditionell so gesehen worden wäre, als „lokale“ Erkrankung. Meines Erachtens hätte es zu der „neuen“ Erkenntnis schon gereicht, wenn man uns einfach nur mal zuhören und vor allem glauben würde! Denn von nichts anderem berichten wir, wenn wir Antworten um die Ohren gehauen bekommen wie: „Wahrscheinlich kommt es von der Psyche!“, oder „Kann ja eigentlich gar nicht sein. Schulterschmerzen (o.ä.) haben damit nichts zu tun...“

Die Endometriose als Staubsauger?

Eine weitere Beobachtung im Rahmen der Studie: Die eingepflanzten Gebärmutterschleimhautzellen saugten wohl Stammzellen auf, die eigentlich auf ihrer Reise zur Gebärmutterschleimhaut innerhalb der Gebärmutter waren. So fehlten sie bei Reparaturarbeiten in der Gebärmutter. (Saugt auch die Endometriose Stammzellen im menschlichen Körper auf? Können wir das jetzt wissen?). Die Einbeziehung der Stammzellen sei für die Entwicklung zukünftiger Therapiemethoden wichtig, vor allem, wenn es um unerfüllten Kinderwunsch gehe.

Die Studie zeigt die Effekte von Gebärmutterschleimhautzellen an anderen Stellen im Körper von Mäusen. Uns wurden die Zellen anders als bei den Mäusen ja nicht eingepflanzt – zumindest nicht dass ich wüsste ... Zudem sind sie physiologisch auch anders als Gebärmutterschleimhaut. Und ist nicht die Ursache der Endometriose das eigentliche Geheimnis? Wie die Zellen überhaupt dahin kommen und warum sie wuchern?

Naja, vielleicht kommen sie da auch noch eines Tages hin mit der Forschung. Dann hoffentlich ohne Mäuse. Und mit menschlichen Endometriosezellen. Ich esse jetzt erst mal meine aufgeweichte Dinkel-Hirse-Stange weiter. Was soll man auch anderes machen ...
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Hier geht es zum Original-Artikel:
Graze Castillo: Study unlocks path to understanding endometriosis. Yale News. 10.11.15. http://yaledailynews.com/blog/2015/11/10/study-unlocks-path-to-understanding-endometriosis/ (zuletzt stirnrunzelnd aufgerufen: 07.12.15).

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Designelemente Illustrationen: Fusion Books
Bild Maus: pixabay.com/CC0 1.0

2 Kommentare

  1. Da kann man echt nur den Kopf auf den Tisch klatschen... Das Beängstigende ist ja, dass solche "Studien" dann über Jahre als Belege herangezogen werden, während Berichte der Betroffenen nicht ernstgenommen werden, weil die ja keine Mediziner sind und die Beobachtungen daher nicht wissenschaftlich und nicht verlässlich sind (dienen höchstens als Anregung, wozu man demnächst mal ein paar Tierversuche machen könnte)...

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    1. Ja, so ist es. Besonders schlimm finde ich, dass auf Basis solcher Versuche dann Wirkstoffe und Medikamente entwickelt werden. Wie wirksam können die dann sein? Und wer profitiert davon am Ende...

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