Endometriose-Kongress 2015 – Tag 3


Am dritten und letzten Tag des Kongresses bin ich mit dem Auto nach Köln gefahren und habe tatsächlich alleine aus den Katakomben des Media-Parks-Parkhauskomplexes ans Tageslicht gefunden (auch wenn ich die ganze Zeit Angst hatte, jeden Moment würde mir ein Typ in Cape und Halbmaske begegnen und „Sing, mein Engel der Muse!“ ins Ohr brüllen).


Kaiserschnitt zum Frühstück


Morgens um 8:30 war der Kongress-Saal nicht voll besetzt, aber die Vorträge waren nicht minder interessant als die von den Vortagen. Der erste sollte da heißen: Management nach Endometriosebehandlung. Prof. Dr. Peter Oppelt aus Linz stand am Rednerpult und referierte über Probleme, die bei der Geburt nach Endometriose-OP auftreten können. Es würde lange dauern, bis eine Narbe weich sei und sich bei so einer Geburt dehnen könne. Und wenn sie sich nicht dehnt – richtig, dann reißt sie.

Dabei komme es natürlich an, wo die Operationsstelle war. OPs am Ureter würden da weniger Probleme bereiten als beispielsweise am Rektum oder in der Scheide. Gerade bei Blase und Darm käme es darauf an, an welcher Stelle operiert wurde. Die Risiken bei Schwangerschaft und Geburt seien noch nicht in den Leitlinien erfasst. Es läge noch keine Studie vor, bisher gebe es nur Fallberichte. Allgemein würde er sagen: Zur Sicherheit lieber Kaiserschnitt.


Reha schon im Krankenhaus beantragen!


Sehr interessant fand ich auch den Vortrag von Dr. Cornelius von der Endometriose-Reha in Bad Schmiedeberg. Er betonte nochmal, dass es wichtig sei, eine Reha-Maßnahme bei Endometriose direkt aus dem Krankenhaus heraus zu stellen. Daran würde oft nicht gedacht werden. Zum Vergleich nannte er Zahlen: Es gebe fast so viele Endo-Patientinnen wie Brustkrebs-Patientinnen. Im Jahr würden 40.000 Reha-Maßnahmen bei Brustkrebs durchgeführt, bei Endometriose gerade mal 400 (!). Nach dem Krankenhaus, aus dem „normalen“ Alltag heraus, sei es wesentlich schwieriger, eine Kur bewilligt zu bekommen. Indikationen für ein Heilverfahren seien nichtsdestotrotz: Bestehende Schmerzen, psychische Destabilisierung, im Allgemeinen die Bedrohung der Erwerbsfähigkeit.


Die Mädels von der Endometriose-Vereinigung Deutschland: v. links: P. Brandes, K. Uttinger, A. Franke

Diät statt Medikamente?


Sehr sympathisch war mir der Vortrag von Prof. Dr. Wenzl aus Wien. Vor allem seine Eröffnung ließ mich aufhorchen: Mit der medikamentösen Therapie (die ja für die Schmerzbekämpfung eingesetzt wird) hätte man eine Erfolgsrate von 50 %. Nun, die hätten sie mit der Ernährungsumstellung auch erreicht. Und dann stellte er die provokante (aber nicht ganz ernst gemeinte) Frage: „Wozu braucht man überhaupt noch die Medikamente?“ – Allerdings räumte er ein, dass sie noch nicht wirklich mit den Medikamenten Konkurrenz aufnehmen könnten.

Und dann redete er von der Mittelmeer-Diät. Und ich dachte: Toll – Pizza, Pasta, Cappuccino – immer her damit! Musste aber feststellen, dass er weißes Fleisch (Hühnchen, Fisch), grünes Gemüse und Olivenöl meinte... Ganz wichtig: Kein Alkohol, kein rotes Fleisch, kein Zucker! Liebe Freundinnen des Chiantis und des Bordeaux, so leid es mir tut: Eine besonders hohe Inzidenz (Häufigkeit an Neuerkrankungen) hätte man vor allem bei Weintrinkerinnen festgestellt. Und wenn man als Baby Soja- statt Kuhmilchprodukte bekommen hätte, hätte man ein doppelt so hohes Risiko, an Endometriose zu erkranken. Die gute Nachricht: Der Kaffee ist rehabilitiert! Man konnte keinen Zusammenhang mit Schmerzen feststellen. (Unqualifizierte Anmerkung der schmunzelnden Redaktion: In Anbetracht der Tradition von Wiener Melange wollte man in Wien vielleicht auch keinen Zusammenhang feststellen...).

Die Ernährungsempfehlungen für Endometriose-Patientinnen des Endometriose-Zentrums Wien findet man hier.


Vorträge aus der Selbsthilfe




Ja, und ich hörte mir natürlich den Vortrag von der lieben Andrea Franke von der Endometriose-Vereinigung Deutschland an: „Von Frau zu Frau“ – Beratung als Unterstützungsangebot. Sie referierte über die Arbeit der Endo-Vereinigung. Die Mädels leisten da einiges! Sie fangen auf, was der Arzt/die Ärztin (oftmals) nicht leistet/leisten kann. Vor allem: Zuhören! Bei Anträgen helfen, beim Aufbau von Selbsthilfegruppen unterstützen, an Selbsthilfegruppen verweisen, Informationen rund zur Erkrankung und Therapiemöglichkeiten bereitstellen, natürlich ohne selbst Therapie-Empfehlungen auszusprechen. Es sind ja selbst alles Patientinnen und keine Ärztinnen. Am Ende ginge es darum, die Frau trotz der Erkrankung bei der Wiedererlangung ihrer Autonomie zu unterstützen. (So, das war dann die Stelle, an der bei mir die Dämme gebrochen sind.)

Und natürlich habe ich es mir nicht nehmen lassen, den Vortrag von der lieben Katja Uttinger anzuhören. Sie referierte über ihre Erfahrungen mit der TCM, nachdem sie die Hormontherapie wegen der Nebenwirkungen absetzen musste. Besonders wichtig war die Ernährungsumstellung nach der TCM, was ihr sehr geholfen hat. Dazu wird sicher noch was auf ihrem Blog folgen: http://endokat.blogspot.de.


Was ich sehr gut fand: Sie sagte, dass sie es rückblickend begrüßt hätte, wenn sie von Seiten der Ärzte früher auf alternative Therapie-Methoden hingewiesen worden wäre. Und sie betonte, dass die Nebenwirkungen durch die Hormontherapie auch nicht zu unterschätzen seien und dass nicht nur die Endo selbst, sondern auch diese Nebenwirkungen zur Arbeitsunfähigkeit führen könnten. (Dies kann ich aus der eigenen Erfahrung heraus nur bestätigen.) Ein schwieriges Thema. Umso besser, dass es mal vor der Ärzteschaft im offiziellen Rahmen angesprochen wurde.

Fazit:

Mein persönliches Fazit des Endometriose-Kongresses 2015: Ich bin positiv überrascht! Ich hatte schon befürchtet, eine reine Werbe- und Verkaufsveranstaltung der Pharma-Industrie vorzufinden, bei der mir am Buffet ein Gestagen-Cocktail angerührt würde. Aber dem war nicht so. Es haben Experten aus den verschiedensten Richtungen und mit den verschiedensten Meinungen referiert. Es wurden durchaus auch alternative Wege (Ernährung, TCM etc.) angesprochen. Ich hatte sowohl von den Referierenden her als auch von den Fragen durch die zuhörenden Ärzte das Gefühl, dass es durchaus um das Patientenwohl geht.

Was bleibt: Es wäre schön, wenn sich jeder Gynäkologe mit der Endometriose so auskennen würde. Noch schöner wäre es, wenn sie eines Tages heilbar wäre. Da sind wir noch lange nicht. Aber der Kongress hat einem ein klein wenig Hoffnung gemacht, dass es eines Tages so weit sein könnte.

Tschüss Endo-Kongress!!! 


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