Endometriose-Kongress 2015 – Tag 2/Teil 2


Am zweiten Tag hatte ich mir zuerst, wie in Teil 1 beschrieben, Vorträge über Endometriose und Malignität angehört. Spätestens da wusste jeder, dass ich Patientin und keine Ärztin bin – ich war die einzige, die den Saal mit einer anderen Gesichtsfarbe wieder verließ, als sie ihn betreten hatte...

Was kostet die Endometriose?

So schleppte ich mich zum Lunch-Symposium „Endometriose – Langfristig denken!“, wo alle schon aus ihren Lunch-Paketen schmausend ihre Plätze eingenommen hatten. Die Stimme des Redners riss mich aus meinem Futterneid: „Wie viel kostet die Endometriose?“. Eine Frage, mit der man sich als Patientin eher wenig auseinandersetzt, zumindest was den monetären Aspekt angeht. (Ansonsten kostet sie uns ja Jobs, Partnerschaften, Freundschaften, Lebensträume....)

Die Endometriose würde volkswirtschaftlich fast genauso viel kosten wie Diabetes, alleine schon durch den Arbeitsausfall der Frauen – selbst, wenn diese auf der Arbeit erschienen (!).


Wo bleibt Amnesty International?!

Und dann wurde mir bestätigt, was ich schon lange ahnte: Kennt Ihr das, der einzige Depp am Strand zu sein, der Wasserschuhe trägt? Diese hässlichen Gummidinger, damit Kies und scharfe Muscheln in der Brandung einen nicht wie ein unsichtbarer Schutzschild davon abhalten, ins Meer zu gehen? Oder die Situation, wenn im Schulsport Völkerball gespielt wird, alle einen Mordsgaudi beim Abtreffen mit dem Ball haben und man als einziger denkt: Das hier ist ganz klar ein Fall für Amnesty International!!! Nun, in einer wissenschaftlichen Untersuchung stimulierte man die Fußsohlen von Probanden mit kleinen Elektroschocks und stellte fest, dass Endometriosepatientinnen den Schmerz stärker spürten als Nicht-Betroffene.

Die Veränderungen durch Endometriose-Schmerzen sei ein zentraler Prozess. Man hätte auch Veränderungen im Gehirn von Betroffenen beobachten können.

Auf der Suche nach dem „Arschlochzytokin“

Es bestehe eine generalisierte Hypersensivität bei Patientinnen mit chronischem Unterbauchschmerz. In Versuchen mit Mäusen pflanzte man den Tierchen Endometriose ein und stellte fest, dass ihnen nach einer Weile sensorische Nerven gewachsen waren. In einer anderen wissenschaftlichen Untersuchung hätte man herausgefunden, dass bei Patientinnen mit schmerzhafter Endometriose mehr Zytokine (Anm. der etwas übermüdeten Redaktion: Proteine, die für Zellwachstum und –differenzierung zuständig sind) in der peritonealen Flüssigkeit vorlägen als bei Patientinnen mit schmerzfreier Endometriose. (Da die Zytokine unter GnRH abnähmen und mit ihnen auch der Schmerz, sähe man einen Zusammenhang zwischen diesen Proteinen und den Schmerzen. Das spezifische Zytokin, das für den Schmerz verantwortlich sei, hätte man noch nicht identifiziert – ich nenne es jetzt mal ohne Rücksicht auf seine Gefühle – es beruht ja auf Gegenseitigkeit – das „Arschlochzytokin“).

Und als sei das alles nicht schon genug, ziehen Zytokine auch noch Mastzellen an, die ihrerseits wieder Zytokine produzierten. In diesen Prozessen entstünden neue sensorische Nerven mit Schmerzrezeptoren, und dementsprechend hätte man wieder mehr Schmerzen. (Wenn ich mir überlege, was da alles in meinem Körper vor sich geht, ist es kein Wunder, dass ich ständig erschöpft bin...). Und dann ist da noch so ein Zytokin, das TNF-a, das sich an Rezeptoren bindet, und die Nerven so veränderte, dass sie schneller auf einen Stimulus reagierten. Zu Deutsch: Wir sind Sensibelchen und können nichts dafür!

Endometriose zieht Nerven an und Nerven ziehen Endometriose an! Heißt: In der Endometriose entstehen neue Nerven, und die Nerven ihrerseits aktivieren möglicher Weise wiederum das Wachstum der Endometriose. Auch daher sei es wohl wichtig, den Schmerz zu bekämpfen.

Mahlzeit!


Dr. Renner vom Endometriosezentrum Erlangen betritt die Bühne – im Gepäck, passend zum Lunch-Symposium, eine Menge Videos von Endometriose-Operationen. Man sieht, wie ein Stück Endometriose aus der Blase geschnitten wird, wie man Endometriose vom Ureter entfernt und wird Zeuge einer Darmteilresektion (Nein, es war nicht nur mein unterirdischer Abi-Durchschnitt, der mich vom Medizinstudium abhielt...). Dr. Renner erzählt von einer Patientin, die völlig symptomfrei war und wegen Kinderwunsches in die Klinik gekommen war. Bei der Untersuchung stellte man fest, dass sie Harnstau durch Endometriose hatte und man das Therapieziel von "Schwangerschaft" ändern musste in „Niere retten“. Nicht immer lägen die typischen Endometriose-Schmerzen vor. Häufige Harnwegsinfekte etwa könnten auch ein Zeichen für Endometriose sein.

Von Pillen und Spiralen


Prof. Dr. Römer, Leiter des Endometriosezentrums Köln Weyertal, hält einen Vortrag über die medikamentöse Langzeittherapie bei Endometriose. Generell sei es so, dass, die Endometriose umso besser auf Medikation anspreche, je aktiver sie sei, da in dem Fall auch mehr Hormonrezeptoren vorlägen. Bei der peritonealen Endometriose hätte man einen Rückgang unter der Unterdrückung der ovariellen Funktion festgestellt. Über das Gestagen Dienogest (Visanne) lägen Daten bis zu 15 Monaten vor, dass es Schmerzen reduzieren könne. Das hieße aber nicht, dass es nicht auch länger wirken könne.

Bei eventuellen Nebenwirkungen wie depressiven Verstimmungen könne man versuchen, eine Östrogencreme hinzuzugeben. Wichtig sei, dass das Gestagen immer noch überwiege. Bezüglich der Adenomyose habe man festgestellt, dass GnRH deren Umfang reduzieren könne. Danach könne man die Visanne einsetzen, um diesen Status zu erhalten. Auch die Hormonspirale MIRENA hätte einen positiven Effekt auf die Adenomyose. Aromatasehemmer und selektive Progesteronrezeptorenmodulatoren würden eher noch im experimentellen Bereich angewendet. (Ich persönlich glaube ja, dass sich letzteres nicht durchsetzen wird, damit man nicht so viel Schreibarbeit bei der Ausstellung der Rezepte hat...).


Das war mein zweiter Tag auf dem Endometriose-Kongress. Leider musste ich schon früh wieder fahren. Auf dem Weg nach draußen schaute ich mir noch ein paar Stände der Aussteller an. Ich kam an einem kleinen, fahrbaren Ultraschallgerät mit jeder Menge Knöpfen und Gedöns vorbei, das mich ein bisschen an einen Droiden erinnerte. Fast hätte ich mich davor gehockt und in den Ultraschallkopf gesprochen: Helft mir, Obi Wan! Ihr seid meine letzte Hoffnung!!! In Anbetracht der vielen, seriös gekleideten Menschen um mich herum ließ ich mich dann doch nicht dazu hinreißen. Es sollte ja noch ein Tag folgen. Den wollte ich dann auch noch mit einigermaßen Würde bestreiten...


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