Verwachsungen bei Endometriose


Es wächst zusammen, was nicht zusammen gehört


Zugegeben, es ist ein etwas längerer Artikel geworden. Aber das Thema Verwachsungen bei Endometriose ist recht komplex. Also, noch mal Pipi machen, Getränk einschütten, den Mann mit dem Hund rausschicken und ab geht`s in unseren Bauchraum!

Wenn das Bauchfell mit der Bauchdecke kuschelt


Jede Frau mit Endometriose hat aller Wahrscheinlichkeit nach Verwachsungen im Bauch. Das liegt in der Natur der Krankheit. Nach einer Endometriose-Operation erst recht. Verwachsungen – auf Arzt-Deutsch „Adhäsionen“ genannt – sind im Grunde genommen innere Vernarbungen. Es sind Gewebsbrücken, die Organe mit anderen Organen oder Organe mit der Bauchwand verbinden. Diese Verbindungen sind nicht normal, sondern erst durch Entzündungen nach operativen Eingriffen oder durch die Entzündungsprozesse der Endometriose entstanden.


Wie sich das Knie aufschlagen – nur innen


Verwachsungen können nach allen Operationen im Bauchraum entstehen, selbst nach einer Bauchspiegelung. Ist das Bauchfell verletzt oder durch eine Krankheit entzündet, setzt irgendwann der Heilungsprozess ein. Wer sich schon mal das Knie aufgeschlagen hat weiß, was dann passiert: Es bildet sich ein fieser, klebriger Belag – schöner klingend „Fibrin“. Das Bauchfell kleidet Bauchdecke und Organe ein. Zwischen Organ und Organ oder Organ und Bauchdecke besteht jeweils nur ein klitzekleiner, flüssigkeitsgefüllter Spalt. Dieser Spalt kann sehr schnell durch das Fibrin verkleben. Die Verbindung, die dadurch entsteht, wird auch „Bride“ genannt.

Normalerweise wird das Fibrin schon bald wieder abgebaut. Nach Operationen ist dieser Prozess oft verzögert. Warum das so ist, das weiß keiner. Durch die Verzögerung haben Bindegewebszellen jedenfalls genügend Zeit, in die Verklebung mit einzuwandern. Auf diese Weise entstehen dauerhafte, feste Gewebsbrücken, in die nach und nach sogar Blutgefäße und Nerven sprießen können.

Das Leben ist ungerecht – Verwachsungen auch

Bei der Entstehung von Verwachsungen spielen zum einen das Ausmaß der Gewebsverletzungen durch Operationen und/oder Krankheit eine Rolle, aber auch die Lokalisation. Wunden im Bereich von Uterus, Eileiter, Eierstock oder Darm führen zu deutlich mehr Verwachsungen als Wunden im Bereich von Beckenwand oder Bauchwand. Und dann wäre da noch die individuelle Neigung zur Ausbildung von Verwachsungen. Bei manch einem entstehen schwere Verwachsungen bei kleinen Eingriffen, bei anderen entstehen fast keine Verwachsungen trotz ausgedehnter OP. Wie immer ist das Leben auch hier nicht gerade gerecht.

Wie schon erwähnt, vor allem Uterus, Eileiter, Eierstock und Darm weisen ein erhöhtes Verwachstumsrisiko auf und somit gerade die Organe, die bei Frauen mit Endometriose häufig betroffen sind. Hinzu kommt, dass man Endo-Herde gern großzügig herausschneidet, damit sie nicht so schnell wiederkommen. Folglich entstehen oft große Wundflächen. Postoperative Verwachsungen nach Endometriose-Operationen kommen alles in allem sehr häufig vor. Teilweise sind sämtliche Beckenorgane danach fest miteinander verwachsen. Nach OPs an den Eierstöcken z. B. lassen sich bei über 90 Prozent der Patientinnen Verwachsungen nachweisen (4). Das liegt daran, dass die Wundflächen zwischen Eileiter und Eierstock so dicht aufeinander liegen und das Gewebe hier auch sehr empfindlich ist (6).

Tja, und wer jetzt denkt, Verwachsungen kommen nur da vor, wo Endo-Herde sitzen bzw. wo operiert wurde, der darf jetzt überrascht sein: Das Bauchfell kann schon durch leichte Berührung oder Druck, durch geringe Austrocknung oder durch Verschleppung von Wundflüssigkeit geschädigt werden. Verwachsungen können daher auch in weit vom Operationsfeld liegenden Bauchregionen vorkommen. Ja, ich fänd`s auch praktischer, wenn dies ein Effekt der Fettabsaugung wäre. Aber so ist das mit der Realität.


Folgen von Verwachsungen – Da denkt man, man sei gerade fein raus ...


Auf der Internet-Seite des Klinikums Bielefeld liest man, dass die meisten Verwachsungen harmlos seien und das Wohlbefinden nicht beeinträchtigen. Wäre schön, wenn man es dabei belassen könnte, doch der Text geht weiter: „Sie können aber auch schwerwiegende Folgen haben.“ (1) Und diese können sich sogar erst Jahrzehnte nach einer OP bemerkbar machen, im schlimmsten Fall in Form eines Darmverschlusses (Ileus). (Dieser kann übrigens auch durch Endometriose bedingte Verwachsungen ganz ohne OP entstehen.)

Eine weitere mögliche Folge von Verwachsungen: Unfruchtbarkeit (für Latein-Liebhaber: Infertilität). Schon kleinste Verwachsungen an Eierstöcken oder Eileiter können u. a. zu einer Verschiebung derer natürlicher Position führen. Dadurch wird das Ei nicht mehr richtig transportiert (Das ist in etwa so, als würden bei der Ziehung der Lottozahlen die Kugeln neben die Gefäße fallen ...) und kann nicht befruchtet werden.

Häufigkeit von Verwachsungen nach Operationen 


Was ich da auf der Seite des Universitätklinikums Kiel lese, bringt mich schon zum Schmunzeln:

„Die Häufigkeit von Verwachsungen nach chirurgischen Eingriffen überrascht meist sowohl Ärzte als auch Patienten.“ (3)

Eine Studie zeigte, dass 93 Prozent aller Patienten mit mindestens einer vorherigen Bauch-OP Verwachsungen aufwiesen. Verwachsungen, die ganz ohne vorherige OP zustande kamen, fand man bei 10,4 Prozent der Patienten (3). In nur 1 Prozent aller Bauch-OPs folgt ein Darmverschluss durch Verwachsung innerhalb nur eines Jahres (Ich könnte ja auch zu dem einen Prozent der Super-Reichen dieser Welt gehören, aber nein ...). In 3 Prozent aller Bauch-OPs kommt es zum Darmverschluss erst nach mehreren Jahren (6). Und noch was für Statistik-Liebhaber: Wurde eine Operation aufgrund eines Darmverschlusses durch Verwachsungen durchgeführt, kommt es zu einem erneuten Verschluss durch Verwachsungen in 11-21 Prozent der Fälle (6).

(Es sei mir erlaubt, auf der Straße zu singen und zu tanzen, wenn mir danach ist. Ich habe keine Zeit mehr darüber nachzudenken, ob man das macht oder nicht ...)

Verwachsungen und chronische Unterbauchschmerzen


Was verwundert: In der Fachwelt ist man sich nicht einig, ob es durch Verwachsungen zu Schmerzen kommt oder nicht. Es gibt Studien, die zeigen, dass es nach einer operativen Beseitigung von Verwachsungen zur Schmerzlinderung kommen kann, was ja eindeutig für eine Schmerzverursachung durch die Verwachsungen spricht (3). Andere zeigen wiederum, dass man unter Menschen mit chronischen Unterleibsschmerzen sowohl Menschen mit als auch ohne Verwachsungen findet und es keinen sicheren Nachweis für eine ursächliche Verbindung gäbe (5).

Ich gehöre nicht der Fachwelt an, aber die Aussagen auf der Seite des Klinikums Bielefeld scheinen mir plausibel: „Die Ursache für den Schmerz scheint die verminderte Beweglichkeit der von Verwachsungen betroffenen Organe zu sein. Der Zug eines Verwachsungsstrangs an einem mit Nerven ausgestatteten, auf ständige Beweglichkeit und Ausdehnung angelegten Organs, wie z. B. Darmschlinge oder Harnblase, kann ohne Zweifel Schmerzen verursachen.“

Was kann man gegen Verwachsungen tun?


Verwachsungen lassen sich nicht in bildgebenden Verfahren wie MRT oder CT darstellen. Sicher findet man sie nur bei operativen Eingriffen. Die operative Lösung von Verwachsungen (Adhäsiolyse) hat eher die Chance auf Schmerzlinderung, wenn der Schmerz immer an einer bestimmten Stelle auftritt. Die Prognosen stehen eher schlecht, wenn die Schmerzen immer an verschiedenen Stellen vorkommen (6). Es gibt keine Garantie dafür, dass der Schmerz danach weg ist oder die Verwachsungen nicht wiederkommen, denn die neuen Wundflächen können wieder miteinander verkleben.

Kann man Verwachsungen bei OPs vermeiden?


Bei einer Operation lassen sich Verwachsungen nicht zu 100 % vermeiden, aber zumindest reduzieren. Dafür ist zum einen die Operationstechnik wichtig. Die blutenden Wundflächen sollten auf ein Mindestmaß gehalten werden, was bei einem ausgeprägten Endometriose-Befund eher schwierig ist. Zum anderen gibt es sogenannten Adhäsionsbarrieren, das sind Flüssigkeiten oder Membranen/Netze, welche die Wundflächen voneinander trennen und so ein Verkleben vermeiden sollen.

Die Ovariopexie – Man will sich nicht festnageln lassen


Bei Patientinnen mit Kinderwunsch, die sich einem größeren Endometriose-Eingriff unterziehen müssen, wird gern die sogenannte „Ovariopexie“ angewandt, um die Fruchtbarkeit der Patientin zu erhalten. Nichts für schwache Nerven: Die Eierstöcke werden nach der Endo-Sanierung an der Bauchwand festgenäht, damit die Wundflächen zwischen Eierstock und Eileiter oder anderem Gewebe nicht miteinander verwachsen können. Bei einer anschließenden Bauchspiegelung werden sie dann wieder nach Abheilen der Wunden von der Bauchwand gelöst.

Adhäsionsbarrieren – Ihr kommt hier nicht vorbei!


Schon seit etwa 100 Jahren versucht man, geeignete Materialien für die Adhäsionsprophylaxe zu finden. Früher setzte man z. B. Seide, Goldfolie oder sogar Teflon ein (Ja richtig, das, worauf wir sonst unsere Spiegeleier braten!) Heute ist man da weiter fortgeschritten und hat Adhäsionsbarrieren – Flüssigkeiten oder Membranen – entwickelt, die sich im Körper wieder von selbst abbauen. Doch nicht jede dieser Methoden ist für alle Eingriffe geeignet und sie schützen auch nicht zu 100 Prozent. Vor allem bei Darmeingriffen ist man vorsichtig. Es gibt Hinweise, dass manche dieser Materialien sogar das Risiko für einen Darmwanddurchbruch eher noch erhöhen (6). Hier ein paar Beispiele für Adhäsionsbarrieren:

Sehr wirksam ist wohl ein Wundnetz mit dem Namen Interceed®. Es reduziert Verwachsungen bis zu 32 Prozent. Da es allerdings in Verbindung mit Blut seine Wirksamkeit einbüßt, ist es nicht für große Wundflächen bei einer ausgedehnten Endometriose geeignet (6).

Seprafilm® wird gern eingesetzt, da sie das Verwachsungsrisiko bei Bauchoperationen deutlich reduziert. Doch die Membran klebt leicht an Handschuhen, Instrumenten und anderem Gewebe und bricht schnell, sodass sie sich nicht unbedingt für die Bauchspiegelung eignet (6).

Hyalobarrier® ist ein Gel, für das eine Statistik vorliegt, die einen positiven Zusammenhang zwischen dieser Adhäsionsbarriere und der Bewahrung der Fruchtbarkeit aufzeigt. In einer Versuchsgruppe, bei der Hyalobarrier® eingesetzt wurde, traten 77,8 Prozent Schwangerschaften ein im Vergleich zu 38,8 Prozent in der Gruppe ohne das Gel (6).

SprayShieldTM wird als geeignet für ausgedehnte Endometriose-Operationen eingeschätzt. Die Datenlage ist jedoch noch nicht ausreichend, um sichere Aussagen zu machen (6).

Adept® konnte eine gute Effektivität bei der Adhäsionsprophylaxe nachgewiesen werden, auch bei Eingriffen am Darm. Jedoch kann man wohl nicht gleichzeitig eine Drainage anwenden, sodass ein Einsatz von Adept® bei ausgedehnten Eingriffen eher schwierig ist (6).

Adhäsionsprophylaxe kostet Geld – Geld will man für Endopatientinnen nicht ausgeben

Forschungsarbeiten kosten Geld. Der Einsatz neuer Materialien kostet Geld. Und Geld gibt man im Gesundheitssystem nicht gerne aus: „Durch die heute enger werdenden finanziellen Möglichkeiten schrecken viele Operateure vor der Anwendung der zur Verfügung stehenden Produkte zurück.“ (6) Und mit Endometriose – das wissen wir – wird man sowieso eher auf die billigen Plätze verbannt: „Unabhängig von der sicher wünschenswerten größeren Effektivität wäre man bei anderen Erkrankungen, wie z. B. in der Onkologie in der Anwendung nachweislich effektiver Methoden, weniger zurückhaltend.“

Doch Betroffene tun sich so langsam zusammen und machen auf all diese Probleme aufmerksam. Ja, es gibt eine „Internationale Verwachsungs-Gesellschaft“. Englisch klingt es besser: International Adhesions Society.

Es gibt noch viel zu tun!

Dieser Artikel ersetzt nicht den Rat durch einen Arzt!
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Quellen:
(7) PD Matthias Korell: Adhäsionen nach operativer Therapie der Endometriose. Quelle: endometriose-vereinigung.de


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