Reisen mit Endometriose


Wo geht`s denn hier zum nächsten Krankenhaus?


"Lass Dich nicht zu sehr von dieser Krankheit bestimmen!" – Der Rat meiner besten Freundin. Sie meinte es gut. Doch leichter gesagt als getan! Vielleicht funktioniert das ja bei Krankheiten, die man nicht nur nicht sieht, sondern auch nicht immer spürt – wie, keine Ahnung, Fischallergie oder Handy-Daumen.

Doch je nachdem, wie stark diese Krankheit einen erwischt hat, spürt man sie IMMER – wenn gerade mal nicht als Schmerz, dann als Erschöpfung oder allgemeine infektiöse Anfälligkeit – weil Konstitution und Immunsystem vom fahrenden Schnellzug der Endometriose nun mal erfasst und kilometerweit mitgeschleift werden.

Die Endometriose ist für mich wie ein Filter, durch den man alles fühlt und denkt. Mir bleibt nichts anderes übrig, sie ist nun mal da und lässt mich täglich volle Breitseite gegen meine Grenzen prallen – in allen Lebensbereichen. Die Endo macht keinen Urlaub – auch nicht im Urlaub.

Bitte nicht Timbuktu


Wenn man weiß und spürt, dass in einem Geschwüre wachsen, und vielleicht schon die Erfahrung gemacht hat, dass dadurch so ein Organ auch mal ausfallen kann, dann reist man nicht gerade freiwillig in die entlegenste Gegend eines exotischen Landes, wo man zur Behandlung von klaffenden Wunden ein Feuer anzündet und sich gegenseitig dreimal über die Schulter spuckt. Anders ausgedrückt: Für mich fallen einige Reiseziele von vornherein flach.

Gut, tropische Länder waren noch nie so mein Ding, ironischer Weise wegen meiner Angst vor Krankheiten … Sagt jemand Thailand, höre ich Dengue. Wenn schon weit weg und exotisch, dann dachte ich eher an Grönland, Nepal oder Düsseldorf.

Doch seit meiner beiden Endo bedingten Not-OPs muss ein gutes Reiseziel für mich eine solide Infrastruktur aufweisen. So wie andere sich über Ausflugsziele und das Wetter vor Ort informieren, schaue ich mir vor Reiseantritt an, wie weit die nächsten Krankenhäuser entfernt sind – nur für den Fall, man weiß ja nie …


Trekking, Hiking, Kofferschlepping



Aber es ist nicht nur die Liste der Reiseziele, die zusammengestrichen wurde, sondern auch die der Urlaubsaktivitäten. Das beginnt schon bei den ganz außergewöhnlichen Dingen wie – Koffertragen. Hätte ich meinen Mann nicht, kämen für mich gepäckmäßig nur Wochenend-Trips in Frage. Vorbei die Zeiten, in denen ich allein auf großer Reise mit voll gepacktem Koffer und Trekking-Rucksack in ein Londoner Großraumtaxi falle und wie ein Käfer auf dem Rücken liegend denke: "Hat gar nicht weh getan!"

Ich bekomme schon Bauchschmerzen, wenn ich einen vollen Shopper quer über die Schulter trage. Vor ein paar Tagen habe ich einen LEEREN Wasserkasten (allerdings Glasflaschen) 10 Meter weit geschleppt. Die Schmerzen hielten den Rest des Tages an. Ich denke, alleine zu reisen ist für viele Endometriose-Patientinnen allein schon daher eine echte Herausforderung.

Was ganz praktisch ist: Als Endometriosepatientin braucht man kein Angebot an Extremsportarten vor Ort. Vergesst Climbing, Kitesurfing oder – und das ist jetzt kein Scherz, hab gerade nachgeguckt, das gibt es wirklich – Extrembügeln (!). Eine einfache Fahrradtour auf dem Höhepunkt der Schmerzen ist schon extrem genug.

Das schlechte Gewissen reist mit


Es macht mir nichts aus, nicht in die entlegensten Gegenden dieser Welt zu reisen. Ich muss nicht die Sahara durchqueren oder den Mount Everest besteigen. (Wenn ich an meinen ehemaligen Bio-Lehrer zurückdenke, habe ich den Yeti eh schon getroffen.) Ich habe das große Glück, dass mein Mann das alles auch nicht muss, und somit nicht das Gefühl, ihn dahingehend auszubremsen.

Doch trotzdem versteckt sich das schlechte Gewissen im Gepäck. So ein Urlaub geht über eine begrenzte Zeit, in der man versucht, aus jedem Tag etwas Besonderes zu machen. Und wenn Tage dabei sind, an denen es einem schlecht geht, hat man Angst, diese Zeit auch für den anderen zu versauen. Das hat man mit Endometriose ja schon oft genug im Alltag. Im Urlaub ist es viel konzentrierter.

Dieses Jahr war die Verteilung aber recht günstig, auf 10 Tage kamen 2, an denen es mir wegen der Endo nicht gut ging. (Wir waren an der Nordsee; Die nächsten Krankenhäuser waren in Emden und in Norden …).

Reise in den Kosmos der kleinen Dinge


Alles in allem war es ein sehr schöner Urlaub – trotz Endometriose. Sie bestimmt das Reiseziel, aber nicht meinen Standpunkt! Es gibt so viele schöne Dinge, die man statt einer Himalaya-Expedition machen kann. Ich lese lieber ein schönes Buch, fotografiere oder gehe mit Mann und Hund am Strand spazieren.

Ich bin nicht spießig, ich bin nicht langweilig – Ich bin Endometriosepatientin, die weiß, dass all diese Dinge nicht selbstverständlich, und wenn auch nicht extrem, so doch extrem schön sind! Es ist egal, ob der Strand nun in Thailand, Indonesien oder Norddeich Mole ist. Anders als uns die Reiseanbieter glauben machen wollen: Im Urlaub kommt es nicht auf das Reiseziel an!


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