Arbeiten mit Endometriose – oder: Die Angst der Kollegen vorm Säbelzahntiger


Letztens las ich in einem Zeitungsartikel, dass wir Menschen nicht gerne inkonsequent bzw. inkonsistent ("heute so – morgen so") auf andere wirken möchten. Dies habe evolutionäre Gründe, und evolutionstechnisch gesehen hingen wir seit Jahrtausenden nun mal in der Warteschleife. Unsere Abneigung gegenüber inkonsistentem Verhalten rühre also daher, dass wir Menschen uns in Zeiten lange vor IKEA, als Wohnungen noch Höhlen waren, 100%ig aufeinander verlassen können mussten, sobald wir diese verließen. Denn draußen lauerte – richtig: der Säbelzahntiger – und inkonsistentes Verhalten hieß im Zweifelsfalle – richtig: gefressen werden. Jemand, der sich inkonsistent verhielt, stellte eine Gefahr für die ganze Gruppe dar.

Der Säbelzahntiger in unseren Hirnen


Auch wenn es keine Säbelzahntiger mehr gibt, in den Angstzentren unserer steinzeitlichen Gehirne lauert er immer noch – und macht uns Endometriose-Leidenden das Leben schwerer, als es eh schon ist. Denn unser Verhalten wird von der Umwelt als inkonsistent wahrgenommen – und dafür abgestraft. – Wieso geht es an einem Tag, dass man auf der Arbeit voll mit anpacken kann, am nächsten Tag sich "angeblich" plötzlich in Schmerzen windet? Wieso ist es einem oft nachmittags "angeblich" übel und schwindelig, obwohl morgens noch alles in Ordnung war? Wieso schafft es eine erwachsene Frau, der äußerlich betrachtet nichts fehlt, an manchen Tagen "angeblich" nicht einmal, einen Sixpack Wasser zu tragen?

Die Antwort: Weil es nicht nur "angeblich", sondern "tatsächlich" so ist. Weil die Endometriose unberechenbar ist und jeden Tag andere Überraschungen für einen parat hält. Weil die Endometriose nun mal inkonsistent ist, und wir logischer Weise mit ihr. Das haben wir uns dabei wirklich nicht ausgesucht! Als Garnierung kommt das eigene schlechte Gewissen ja noch obendrauf, denn wir wollen doch auch nicht, dass irgendwer vom Säbelzahntiger gefressen wird! Und erst recht wollen wir nicht aus der Höhle verbannt werden und schutzlos draußen herumirren!


Ein reichhaltiges Angebot: Qualen, Mobbing, Arbeitslosigkeit


In der Arbeitswelt bleiben einem oft nur drei denkbar ungünstige Strategien, mit Endometriose umzugehen:

Man handelt einfach weiter inkonsistent und erledigt die Arbeit jeden Tag nur soweit, wie es der Körper zulässt. Diese "Ungerechtigkeit" bleibt nicht lange ungesühnt und man erhält Sonderaufgaben (nachts vor der Höhle Mammuts verjagen, das Feuer bewachen...), während die anderen Gruppenmitglieder nicht mit einem sprechen dürfen – Neudeutsch: Mobbing.

 Man beißt die Zähne zusammen und leidet Qualen. In dem Fall rächt sich der Körper häufig mit noch heftigeren Symptomen, so dass man über Kurz oder Lang doch ausfällt.

 Man versucht, die Situation in akuten Fällen zu meiden und lässt sich jedes Mal krankschreiben.
Wie man es auch anstellt, der drohende Arbeitsplatzverlust schwebt wie ein Damoklesschwert ständig über einem.

Einige wenige können sich selbständig machen und/oder von zu Hause aus arbeiten und sich die Arbeitszeit symptomabhängig einteilen. Manch einer soll wohl das seltene Glück zuteil werden, von Vorgesetzten und Kollegen Verständnis entgegengebracht zu bekommen. So wie ich das mitbekomme, und das ist eine ganz subjektive Einschätzung, sind das eher die Ausnahmefälle. In der Regel macht Endometriose einem das Überleben in der Arbeitswelt schwer (welch Wortspiel) – von Karriere möchte ich erst gar nicht reden – und handelt einem ganz schnell das Misstrauen der Kollegen ein.

Raus aus der Höhle!


Da stand ich nun – 8 Wochen nach meiner großen OP – vollgepackt mit Klamotten, die ich im Laden einräumen sollte. Chef und Kollegen kannten meine Geschichte. Trotzdem hatte man mich nach meinem Krankenhausaufenthalt von der Kasse ins Warenservice-Team versetzt – Heben, Schleppen, Kartons auspacken. Das ging nicht lange gut. Und weil es ja so viel Spaß macht, landete ich auf diesem Wege schnell wieder auf eine schmerzdurchzechte Nacht im Krankenhaus – mit heiterer Infusions-Party, Kontrastmittel-Binge-Drinking und Arschbombe auf den Röntgentisch ...

Zurück auf der Arbeit war man dann einsichtig und stellte mich wieder an der Kasse ab. – Doch von nun an sollte ich nur noch misstrauisch beäugt werden – von Kollegen/-innen, mit denen ich vorher nie Probleme hatte. Ich kam mir vor wie ein verletztes Tier in einer Herde, das man am liebsten zurückgelassen hätte. Oder anders gesagt: Die Angst vorm Säbelzahntiger machte sich breit. Man roch die Extrawurst, die ich bekommen hatte, und den Kollegen saß die Furcht im Nacken, bei der Arbeit mehr Energie aufbringen zu müssen als ich und dann im Falle eines Säbelzahntiger-Angriffs geschwächter zu sein.

Natürlich war ihnen das nicht bewusst. Sehr wahrscheinlich dachten sie so was wie: Das ist ungerecht! Da kann ja jede ankommen, wenn sie mal einen schlechten Tag hat! Sie will sich nur drücken. Sie will nur Aufmerksamkeit ... und all so was. Wir kennen das ja selbst. Das Programm läuft ja bei allen gleich ab. Ich kann mich davon auch nicht frei sprechen.

Eine Kollegin fing mich in der Kantine ab und fragte, was ich denn eigentlich gehabt hätte. "Ach, Endometriose. Hatte ich auch schon, ein bisschen hier im Rücken. Hat man weggeschnitten und dann war gut. Ist ja gar nicht so schlimm." Mir kam es so vor, als hätte sie schon längst gewusst, was ich hatte, und wollte das nur mal eben los werden. Und das ist das Verzwickte an der Endometriose: Nicht jeder Fall verläuft gleich und ist gleich schlimm. Schön, dass es sich bei ihr schnell erledigt hatte und kein Organ befallen war. Bei mir und vielen anderen sind leider auch Organe wie Darm, Blase, Niere, Leber, Eierstöcke etc. betroffen. So, und jetzt erklär mal einem Außenstehenden, dass zwei, die an derselben Krankheit leiden, sich so unterschiedlich verhalten!

Eine andere Kollegin feierte man gerade. Dieser wurde kurz zuvor die Gallenblase entfernt und sie arbeitete danach wie gewohnt weiter, was sie mir mit einer übertriebenen Lockerheit und Coolness mitteilte.
Ich verstand:

Ich war so was von raus aus der Höhle!
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